Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 594

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über das Wasserwerk völlig verfügen, daß sie die betreffenden Ingenieure auswählen und daß sie das Recht haben, nach ihrem Ermessen den Betrieb zu unterbrechen. Die Stadtverwaltung will ihre Antwort im Laufe des Abends erteilen. Um drei Uhr nachmittags fand eine große Versammlung statt, an der sich der Gemeinderat sowie Vertreter der Semstwos, des Adels, der wissenschaftlichen Gesellschaften, der Presse sowie der Vereine und Verbände aller Parteien, auch der revolutionären, beteiligten. Die Redner traten in leidenschaftlichen Reden für den Kampf mit Waffengewalt und die Einsetzung eines Wohlfahrtsausschusses ein. Der telegraphische Verkehr mit Petersburg geht nur über einen Draht aus dem Hause des Generalgouverneurs. Verschiedene Arbeitergruppen, besonders die Drucker, haben sich dem Ausstand angeschlossen.

Warschau, 30. Oktober. Heute sind die Fabriken, Banken und andere Institute geschlossen. Die Straßenbahnwagen werden hier und da umgeworfen oder angezündet. In den Provinzstädten beginnen ebenfalls Ausstände. Besonders kritisch ist die Lage in Łódź und in dem Łódźer Bezirk. Dort feiern mehr als 100000 Arbeiter. Im Gouvernement Suwalki zerstörten bewaffnete Banden elf Monopolbranntweinläden.

Warschau, 30. Oktober. In der Vorstadt Praga ist ein Gendarm getötet worden.

Łódź, 30. Oktober. Die Geschäfte sind hier alle geschlossen. Einige Geschäfte, die geöffnet hatten, wurden zerstört. Mehrere tausend Arbeiter durchzogen die Straßen und zerrissen die Flaggen, die heute aus Anlaß des Hoffeiertages gehißt worden sind. Militärpatrouillen gaben blinde Schüsse ab. Ein blutiger Zusammenstoß wird erwartet.

Łódź, 29. Oktober. Bei einer Haussuchung wurden heute drei Bomben entdeckt. Der Eigentümer, der auf die Polizei feuerte, wurde festgenommen.

Warschau, 29. Oktober. Die Angestellten der Weichselbahnen haben auf die Forderung der Direktion, die Arbeit wieder aufzunehmen, erwidert, hierüber könne nicht verhandelt werden, solange ihre Delegierten, die in Petersburg verhaftet wurden, nicht freigelassen seien. Die hiesigen Zeitungen sind noch nicht erschienen; es werden nur Sonderausgaben mit den Petersburger Agenturdepeschen veranstaltet; diese Ausgaben sind einer besonderen Zensur unterstellt. Den hiesigen Hausbesitzern ist amtlich mitgeteilt worden, daß sie für Ausschreitungen, die sich im Hause ereignen, verantwortlich gemacht werden.

Riga, 29. Oktober. Die Erregung ist immer noch im Wachsen begriffen. Alle Lehranstalten, Magazine und Fabriken sind geschlossen. Die Straßen sind von den Arbeitern angefüllt, die jeden Verkehr verhindern. Das ganze Geschäftsleben stockt. Ein Oberst wurde auf offener Straße erschossen.

Arbeiterforderungen in Petersburg

Am Sonntag fand eine Sitzung der städtischen Duma in Petersburg statt. Der Saal war vom Publikum dicht gefüllt; die Zugänge waren von zahlreichen Polizeibeamten besetzt. Vor der Duma erschienen 30 Arbeiterdelegierte, die folgende Anträge stellten: 1. die Arbeiter verlangen die allgemein als ihre Forderung bekannten Freiheitsrechte; 2. die Stadt soll für die Dauer des Ausstandes für die Ernährung der Arbeiter sorgen;

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