Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 529

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Die Einigung des französischen Sozialismus

[1]

Über die Bedeutung des Einigungskongresses, die wir bereits gewürdigt haben,[2] schreibt uns noch unser Pariser Korrespondent: Der Verlauf und die Ergebnisse des französischen Einigungs-Parteitages berechtigen zu den besten Hoffnungen. In den drei Kongresstagen wurde der neue gemeinsame Parteibau mit einem offenkundigen kameradschaftlichen Eifer, mit einem allseitigen aufrichtigen Willen zur Einigkeit aufgerichtet.

Der Inhalt der Beschlüsse war ja in allem Wesentlichen von vornherein gegeben – nicht nur in bezug auf die unabänderliche prinzipielle Einigkeitserklärung, der in der Einigungskommission der bindende Charakter eines der Obhut des Internationalen Sozialistischen Büros anvertrauten Vertrages verliehen worden war, sondern auch in bezug auf den von derselben Einigungskommission ausgearbeiteten Statutenentwurf. Daher beruht der eigene Wert dieses Parteitages nicht in den Beschlüssen, sondern darin, wie die Beschlüsse gefaßt wurden, mit welchem gegenseitigen guten Willen, mit welcher Einstimmigkeit oder an Einstimmigkeit grenzenden Mehrheit.

Die Furcht hat große Augen. Die bitteren Erfahrungen des Einigungskongresses von 1899[3] legten naturgemäß allerhand Zweifel an der Dauerhaftigkeit der jetzigen Einigung nahe. Der Verlauf des letzten Parteitages hat aber die Grundverschiedenheit zwischen der Situation von 1899 und der heutigen handgreiflich gezeigt. Damals zwei bis aufs Messer feindselige Kampflager, deren Gegensätze in einem fort sich in dramatisch-leidenschaftlichen Ausbrüchen entluden. Heute zwei Vertrag schließende Parteien, die in kameradschaftlicher Zusammenkunft den grundlegenden Vertrag ra-

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[1] Der Artikel erschien anonym. Nach Rosa Luxemburgs Brief an Leo Jogiches vom 14. Mai 1905 sandte sie ihm zum Thema einen Artikel für „Czerwony Sztandar“ Nr. 26, der mit dem „Vorwärts“-Artikel nicht identisch ist, siehe GB, Bd. 2, S. 99. In der RL-Bibliographie von Feliks Tych, 1962 (Jadwiga Kaczanowska przy konsultacji i wspólprácy Feliksa Tycha: Bibliografia Pierwodruków Rózy Luksemburg. Nadbitka Z pola walki, kwartalnik Poswiecony Dziejom Ruchu Robotniczego, Warschau 1962 Nr. 3 [19]), ist ihre Autorschaft unter Nr. 327 ausgewiesen.

[2] Die Einigung fand auf dem IV. Kongreß der Parti Socialiste de Français vom 21. bis 25. April 1905 in Paris statt. Der Vorwärts brachte in Nr. 97 bis 100 vom 26. bis 29. April 1905 einen ausführlichen Bericht über den Verlauf und die Ergebnisse dieses Kongresses.

[3] Am 3. Dezember 1899 hatte im Pariser Gymnasium Japy ein allgemeiner Kongreß aller sozialistischen Gruppen Frankreichs begonnen, der über die Beteiligung sozialdemokratischer Minister an bürgerlichen Regierungen beriet. Der Kongreß verurteilte den Ministerialismus, ließ aber gegen die Stimmen der Guesdisten Ausnahmeregelungen zu. Die einzelnen Gruppen einigten sich über bestimmte Maßnahmen, die künftig gemeinsame Aktionen ermöglichen sollten. Siehe auch „Zu dem französischen Einigungskongreß“ und „Die französische Einigung“. In: GW, Bd. 1, 1. Halbbd., S. 619 ff. und S. 651 ff.