Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 537

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Aufruf!

[1]

Genossen!

Zu der langen Reihe ihrer Verbrechen hat die Zarenregierung eine neue blutige Freveltat hinzugefügt. Am 1. Mai hat die Sozialdemokratie Russisch-Polens und Litauens in Warschau durch allgemeine Arbeitsruhe und eine friedliche Massendemonstration den Weltfeiertag der Arbeit geehrt. Ein Zug von über 20000 Arbeitern mit acht Fahnen der Sozialdemokratie, mit Gesang und Hochrufen auf den Achtstundentag, auf die demokratische Republik, den Sozialismus und den Völkerfrieden zog durch die Straßen Warschaus. Es war ein friedlicher Zug, an dem Frauen, Kinder und Greise sich massenhaft beteiligten. Ein Gefühl der reinsten und erhabensten Begeisterung für die große Sache beseelte die ganze ungeheure Menge. Niemand dachte an ein blutiges Rencontre mit der Soldateska. Wir zogen aus zu einer Demonstration, nicht zum Straßenkampf. Vollständige Disziplin, vollkommene politische Klarheit über die Ziele der Demonstration, tiefster Ernst zugleich mit freudigsten Gefühlen der Brüderlichkeit herrschten unter diesen Tausenden feierlich singenden Proletariern. Keine Unbesonnenheit, nicht die geringste Provokation wurde von den Demonstranten verübt. Fünfmal wurde der Zug angehalten, um ernsten sozialdemokratischen Reden zu lauschen, in denen die Ziele des Sozialismus und die politischen Aufgaben des Proletariats in Rußland auseinandergesetzt wurden. Dreimal begegnete der Zug Soldatenabteilungen und ließ sie jedes Mal mit friedlichen Worten vorbeigehen. Und zum Schluß, nach zweistündiger Demonstration, machten die Zarenschergen aus dem Hinterhalt einen Überfall auf die ruhigen Arbeitermassen. Ohne jede Warnung, ohne Signal zum Auseinandergehen stürzte sich Kavallerie, Infanterie und Polizei auf die Wehrlosen. Über hundert Menschen, Frauen und Kinder, fielen auf der Stelle tot [um], hundert wurden schwer und tödlich verwundet!

Genossen! Wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir haben die Arbeiterschaft Warschaus sofort nach der Metzelei durch Volksversammlungen, Reden, Flugblätter vor Niedergeschlagenheit gewarnt, zu neuem Kampfesmut angefeuert. Wir haben

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[1] Rosa Luxemburg bat das ISB, diesen Aufruf den Mitgliederparteien der II. Internationale zukommen zu lassen. Für das Exekutivkomitee des ISB entsprach Camille Huysmans dieser Bitte. Mit Schreiben vom 15. Mai 1905 übersandte er den Delegierten, Sekretären und Korrespondenten der Mitgliederparteien den Aufruf. (Siehe Bureau socialiste international. Comte rendu des réunions manifestes et circulaires. vol. I. Hrsg. von Georges Haupt, Paris 1969, S. 141.)