Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 535

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Deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen! Schließt die Reihen! Im Namen der internationalen Sozialdemokratie vereinigt Euch und marschiert vorwärts!“[1]

Der Brief Bebels rief in Łódź, wie man uns mitteilt, eine unbeschreibliche Begeisterung hervor, die deutschen Arbeiter rissen einander die Blätter förmlich aus der Hand.

Die Maiagitationsliteratur ist diesmal in einem bisher nicht dagewesenen Umfange verbreitet und bis in die kleinsten Provinznester getragen worden; nämlich in Warschau, Łódź, Cze˛stochowa, Da˛browa, Neualexandrien, Lublin, Bial/ystok, Siedlce, Zyrardów, Wl/ocl/awek, Piotrków, Pruszków, Góra Kalwaria, Kaczy Dól/, Alexandrowo, Dobrzelin, Jeziorna, Pl/ock, Ostrol/e˛ka, Grójec u. a.

Die blutigen Ereignisse in Cze˛stochowa

Über die bereits erwähnten Vorgänge in Cze˛stochowa wird uns noch folgendes berichtet:

Cze˛stochowa, 30. April. (Eig. Ber.) Die Gärung unter den Arbeitern in und bei Cze˛stochowa, die seit Wochen dauert, erhielt neue Nahrung dadurch, daß die Fabrikanten ihre Zugeständnisse zurückzunehmen suchten, während die Arbeiter bei ihren Forderungen beharren. Einige Tage vor dem 1. Mai brach infolgedessen der Streik in einer Weberei und in einem Walzwerke aus. Schon zwei Tage vor der Maifeier hißten die Arbeiter auf dem höchsten Schornsteine des Hüttenwerkes Handtke eine Flagge mit der Aufschrift:

Hoch die Revolution!

Hoch die Konstituierende Versammlung!

Hoch der Achtstundentag.

Die Sozialdemokratische Partei Russisch-Polens und Litauens.

Es fanden auch Massenversammlungen statt, in denen sozialdemokratische Redner auftraten, worauf die Arbeiter durch die Straßen zogen.

In der Nacht vom 28. auf den 29. April, wie bereits erwähnt, drangen die Polizei und die Gendarmen in die Arbeiterkasernen des Werkes Rakow (drei Kilometer von der Stadt entfernt) ein, um Verhaftungen vorzunehmen; Militär besetzte die Höfe des Werkes und der Arbeiterkasernen. Als die Arbeiter der Nachtschicht erfuhren, was geschieht, eilten sie den Genossen in den Kasernen zu Hilfe. Die Fabrikpfeifen schrillten, das ganze Werk lag sofort still, das elektrische Licht erlosch. In der Dunkelheit gelang es den Arbeitern, die Soldaten, welche die Tore besetzt hielten, zurückzudrängen und in die Kasernen zu dringen, wo sie die Verhafteten befreiten.

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[1] Ebenda, S. 786 f.