Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 335

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Es wird behauptet, der Staat verliere immer mehr seinen kapitalistischen Charakter und nehme immer mehr sozialistischen Charakter an. Man vergleiche einmal. Auf der einen Seite ein paar dürftige Gesetze für die arbeitenden Klassen, auf der anderen aber die Kornzölle und all’ die Liebesgaben für die Agrarier, die Kanalbauten für die Industrie, Militarismus und Marinismus, Welt- und Kolonialpolitik für den Großhandel. Hier armselige 27 Millionen für Arbeiterrenten, dort aber viele Hunderte von Millionen Jahr um Jahr für die nimmersatten Junker. Auf jedes auch noch so bescheidene Entgegenkommen gegenüber den Arbeitern kommt für die Kraut- und Schlotbarone tausendfältige Entschädigung; reicht der kapitalistische Staat den Arbeitern nur den kleinen Finger, dann liefert er sich den Industriellen und den Agrariern mit Haut und Haaren aus. Den Wettlauf mit diesen kann der Arbeiter nicht mitmachen. Trotz alles Arbeiterschutzes, trotz aller Sozialreform wird der heutige Staat immer kapitalistischer und nicht sozialistischer.

Schließlich hat aber auch die bürgerliche Sozialreform ihre unverrückbaren, überaus engen Grenzen. Die Gesundheit des Arbeiters soll allerdings geschützt werden, aber die wirtschaftliche Grundlage des kapitalistischen Lohnverhältnisses wird in Nichts verändert. Es ist bei den heutigen Verhältnissen für den Kapitalisten eben nur dann möglich, auf dem Weltmarkte zu bestehen, wenn er über tüchtige Arbeitskräfte verfügt. Und schon deshalb muß die bürgerliche Sozialreform den Arbeiter vor der gänzlichen Ausbeutung durch das Kapital schützen. (Lebhaftes Bravo.) Hier ein drastischer Vergleich. Wir haben Jagdgesetze, welche für das Wild eine Schonzeit bestimmen, damit dieses sich vermehren und heranwachsen kann. Damit aber wird nichts an der Tatsache geändert, daß das Wild in den Gaumen der Feinschmecker wandert; die Jagd soll durch die Schonzeit nur rationeller gemacht werden. Und ebenso verhält es sich mit der Arbeiterschutzgesetzgebung. Die Arbeiter werden vor völliger Ausbeutung geschützt, damit die Ausbeutung eine immer rationellere sein könne. (Anhaltender Beifall.)

Wir dürfen uns also keinen Täuschungen hingeben: Weder das Tempo der Sozialreform noch das Überwuchern des Kapitalismus machen es möglich, daß sich unsere heutige Gesellschaft auf diese Weise in eine sozialistische verwandelt. Wollten wir diese Meinung ernst nehmen, so würden wir nur den Namen für den Kapitalismus ändern, aber für die wirkliche Emanzipation durch den Sozialismus würde damit nichts erreicht sein.

Nun sagen diese bürgerlichen Sozialreformer: Ja, diese Sozialreform allein wird es ja nicht tun. Ihr Arbeiter müßt Euch auch vereinigen gegen die übermäßige Ausbeutung. Ihr müßt Eure gewerkschaftlichen Organisationen weiter entwickeln. Und man nimmt die gewerkschaftliche Organisation auch gegen die angeblich feindliche Sozialdemokratie in Schutz. Dabei aber trat die Sozialdemokratie schon für die Gewerkschaften ein, als die gesamten bürgerlichen Klassen noch jede Arbeitervereinigung heftig bekämpften. Schon 1847 sagt Karl Marx im „Elend der Philosophie“ über die

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