Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 195

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hat er sehr deutlich die Licht- und Schattenseiten des Entwicklungsstadiums gezeigt, worin sich die Partei augenblicklich befindet. Das ist in unseren Augen sein bester Ruhm, aber wenn an ihm gelobt wird, daß er nach allen Richtungen hin eine glänzende Lage der Partei offenbart habe, so können wir dem nicht beistimmen oder doch nur insofern beistimmen, als es sich um die praktische Seite der Sache handelte. Nach der theoretischen Seite hin hat der Stuttgarter Tag gezeigt, daß die Partei nicht auf der Höhe steht, auf der sie stehen muß, wenn ihr Schiff nicht über kurz oder lang auf sehr praktische Felsen rennen soll. Indem wir dies offen aussprechen, glauben wir den Parteitag höher zu ehren, als wenn wir einen Kübel landläufiger Lobpreisungen über ihn ausschütten.

Selbstverständlich soll unser Urteil nicht vom Standpunkt einer der Richtungen gelten, die in den Stuttgarter Verhandlungen aufeinander gestoßen sind. Darüber wird in den Spalten der „Neuen Zeit“ noch viel diskutiert werden, und es wäre ein unzeitiger Versuch, diese Diskussion im Voraus durch ein summarisches Urteil abzuschneiden. Worauf es uns hier ankommt, ist eben der Gesamteindruck der Stuttgarter Reden und Beschlüsse. Überall, wo praktische Fragen zu entscheiden waren, wurden sie mit vollkommener Klarheit und Sicherheit entschieden, so auch die Frage der Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen, die über ein Jahr lang der Gegenstand der eifrigsten und heftigsten Diskussion gewesen war. Sowie aber die Theorie irgendwo in den Verhandlungen [eine Rolle] spielte, machte sich eine nicht minder auffallende Unklarheit und Unsicherheit geltend; es war, als ob die Partei hier ihren Kompaß verloren hätte.

Meinungsverschiedenheiten wird es immer in der Partei geben; es wird nie dahin kommen, daß alle Parteimitglieder die Dinge immer genau mit denselben Augen ansehen, und es wäre ein Unglück, wenn es je dahin käme. Aber man muß sich über die Meinungsverschiedenheiten klar sein; scharf voneinander geschieden, können sie eine befruchtende Quelle werden, während sie, in- und durcheinander fließend, notwendig zur Versumpfung führen müssen. Die Partei soll nicht dogmatisch erstarren, gewiß nicht, aber ebenso wenig oder womöglich noch weniger soll sie einer prinzipienlosen Knochenerweichung verfallen. Die Selbstkritik ist eine unerläßliche und vortreffliche Sache, aber es ist keine Selbstkritik, sondern ganz etwas anderes, wenn Anschauungen, die lange oder von jeher in der Partei geherrscht haben, ohne alle sachliche Begründung, einfach mit einer verächtlichen Handbewegung, als altes Gerümpel über Bord geworfen werden. Welchen Eindruck macht es, wenn in Stuttgart ein gewisser Standpunkt mit ‚stürmischem Beifall‘ vertreten wurde und einen Tag später ein ganz verschiedener, um nicht zu sagen ein ganz entgegen gesetzter Standpunkt ebenso ‚stürmischen Beifall‘ fand?

Die Debatte über die Taktik konnte keinen Abschluß oder, genauer gesprochen, konnte in Stuttgart keinen Abschluß finden. Ihr Zweck sollte nur sein, festzustellen, ob taktische Meinungsverschiedenheiten in der Partei bestehen und wie weit sie rei

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