Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 777

https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-6/seite/777

porus dieselben Maßregeln wie zur Zeit der „Potjomkin“-Affäre angeordnet. Am Eingang zum Bosporus sind einige Torpedoboote stationiert.

Stockholm, 5. Dezember. „Aftonbladet“ meldet, daß das Marineministerium zwei Kriegsschiffe nach Rußland zum Schutze der schwedischen Untertanen absenden wird. Der Torpedobootzerstörer „Psilander“ wird morgen nach Petersburg abgehen. Ein anderer Torpedobootzerstörer soll mit einem Handelsdampfer nach Riga abgehen, um sich dem dortigen schwedischen Konsul zur Verfügung zu stellen.

Wien, 6. Dezember. (B. H.)[1] Trotz der Intervention des österreich-ungarischen Botschafters in Petersburg bei der russischen Regierung, die durch die Unruhen verursachten Schäden sowohl an Österreichern oder an anderen Staatsangehörigen zu ersetzen, lehnte dies die Regierung unter dem Hinweis ab, daß die Betreffenden nach der russischen Gesetzgebung den Klageweg anzutreten hätten.

Ein Appell an die Menschlichkeit

In Mainz, im großen Saale der „Liedertafel“, fand am 5. d. M., abends, eine von mehr als 1000 Personen besuchte Versammlung statt, zu der ein Komitee eingeladen hatte, dem zahlreiche Stadtverordnete, der Landtagsabgeordnete Dr. Schmidt, der Reichstagsabgeordnete Dr. David sowie Vertreter aller politischen Parteien angehörten. Nach eingehenden Referaten der Herren Leviné aus Petersburg und Prof. Staudinger aus Darmstadt wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die am 5. Dezember 1905 in Mainz im großen Saale der ‚Liedertafel‘ tagende Versammlung gibt ihrer schärfsten Entrüstung darüber Ausdruck, daß in Rußland Tausende unter den Augen der Behörden ermordet, verstümmelt und ihres Eigentums beraubt werden konnten. Die Versammlung erklärt die vorgekommenen Greueltaten für einen Hohn auf die Errungenschaften der Zivilisation und hofft, daß die ganze gesittete Menschheit ihre Entrüstung teilt. Sie erwartet, daß durch den Druck der öffentlichen Meinung die Wiederholung solcher Ereignisse unmöglich gemacht wird und daß den unglücklichen Opfern jede moralische Unterstützung seitens der Kulturstaaten zuteil wird, insbesondere durch Befürwortung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung.“

Es ist hier viel von der „Menschlichkeit“ und von der „öffentlichen Meinung“ die Rede. Tatsache ist, daß nicht diese beiden in ihrer bürgerlich-verschwommenen Auffassung sehr problematischen Mächte, sondern der scharfe Klassenkampf des Proletariats in Rußland die einzige Gewähr gegen die Bestialitäten des Absolutismus bietet.

Die letzte „Schweizergarde“ des Nikolaus

Petersburg, 5. Dezember. (Über Eydtkuhnen von der „Petersburger Telegraphen-Agentur“.) Gestern wurde in Zarskoe Selo ein Regimentsfest des Semjonowskoje Garderegiments gefeiert. Bei demselben hielt Kaiser Nikolaus eine Ansprache an die Truppen,

Nächste Seite »



[1] Vermutlich Büro Hirsch, eine Presseagentur.