Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 762

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ernste Ereignisse bevorstehen. Die Sozialdemokraten und Revolutionäre[1] wollen die Gelegenheit benutzen, um den Generalstreik in allen Gebieten zu proklamieren. Die Regierung ist entschlossen, alle Revolten rücksichtslos zu unterdrücken. Abgesehen von zahlreichen starken Kavallerie-, Kosaken- und Infanteriepatrouillen macht das Straßenbild einen belebten, aber normalen Eindruck. Die Bevölkerung versieht sich mit Lebensmitteln. Gestern Abend wurden 25 Mann vom Preobrashensker Leibgarderegiment verhaftet, von denen 15 in der Peter-Pauls-Festung interniert wurden. Seit einigen Tagen werden keinerlei Zeitungen und Briefe ausgetragen.

Proletarier aller Nationalitäten

Stockholm, 3. Dezember. Nach hier eingegangenen Meldungen aus Helsingfors nahmen die streikenden finnischen Telegraphenbeamten eine Resolution an, in der Protest erhoben wird gegen den Versuch, die vom Kaiser bewilligte Vereinsfreiheit zu unterdrücken. Die finnischen Beamten erklären sich mit dem russischen Post- und Telegraphenbeamtenverband solidarisch und gedenken, so lange im Ausstand zu verharren, bis das Zentralbüro des Verbandes in Moskau den Ausstand für beendet erklärt.

Stockholm, 3. Dezember. Wie die Stockholmer Telegraphendirektion mitteilt, ist die Verbindung nach Finnland und Rußland andauernd unterbrochen. Telegramme werden täglich einmal per Post nach Nystad befördert.

Petersburg, 2. Dezember. Die hiesigen Banken teilen mit, daß sie alle einfachen an sie gerichteten Briefe durch eigene Boten bis auf weiteres täglich vom Postamt Eydtkuhnen abholen lassen.

Die Konterrevolution emigriert

Wegen des bevorstehenden Generalstreiks, dem sich auch die Eisenbahnangestellten anschließen wollen, verlassen zahlreiche „bessergestellte“ Familien aus Warschau fluchtartig die Stadt. Die Paßbüros sind förmlich belagert.

Die zaristische Hauptstadt ist ganz von der Welt abgeschnitten. Da alle telegraphischen Verbindungen mit der Provinz unterbrochen sind, liegen nur sehr wenige Berichte über die sich dort abspielenden Ereignisse vor. Nach brieflich angelangten Meldungen aus Warschau drohen die streikenden Telegraphenbeamten alle Linien zu zerstören, falls die Behörden Repressalien gegen sie ausüben würden. Wie weiter verlautet, sind in Moskau große Feuersbrünste ausgebrochen, welche wohl von der Polizei angelegt, aber den streikenden Arbeitern aufs Konto geschrieben werden.

Die Konterrevolution versucht als letztes Mittel, die Bauernbewegung für sich und gegen die Revolution auszunützen.

Von reaktionärer Seite werden neuerdings massenhaft Proklamationen unter der bäuerlichen Bevölkerung verbreitet, in welchen zur Abwehr der revolutionären Agi-

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[1] Gemeint sind die Sozialisten-Revolutionäre. Die 1901/1902 entstandene Partei der Sozialisten-Revolutionäre (Sozialrevolutionäre) vertrat die Interessen des Kleinbauerntums und hatte die Beseitigung des Zarismus und eine demokratische Republik zum Ziel. Zu ihren Kampfmitteln gehörten terroristische Anschläge. Später spaltete sie sich in einen linken und rechten Flügel.