Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 6, S. 732

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aus dem Haufen. „Was für eine Freude haben wir erst daran!! Glaubt Ihr, daß wir gern die Sünde auf unsere Seelen luden! Es ward uns befohlen! Tat es denn uns nicht weh, gegen die Unseren, gegen unsere Brüder und Verwandten in den Kampf zu ziehen! Wir sind keine Henker, sondern dieselben Christen! Wie sehr erst sind unsere Seelen erschöpft! Dem Schöpfer sei Dank!“ – riefen mit Tränen in den Augen feierlich die gerührten und erfreuten Soldaten, ebenso, wie die sie umkreisende Volksmenge.

Schnell geeinigt! Erhabene Momente! – dachte ich bei mir.

Welch einer scheußlichen Kraft und schändlichen Schamlosigkeit bedurfte es, um einen Teil des Volkes auf den anderen zu werfen, einen bewaffneten auf einen unbewaffneten. Gott sei Dank! Diese Schmach ist jetzt von unserer Armee genommen. Die Offiziere sind wahrscheinlich nicht weniger froh. Eine schwere Schmach lag auf ihnen, besonders auf der Garde.

Gott sei Dank! Unsere Tapferen werden nicht mehr unter dem Kommando der Kommissäre und Revieraufseher unbewaffnete und unschuldige Kinder unseres Volkes niederschießen! Gott sei Dank!

Ich sandte sofort telegraphisch die Nachricht davon, daß die Festung der Sklaverei sich dem Volke ergeben, kapituliert hat. Die Verbannten jedoch konnte ich nicht erfreuen, ihrer geschah keine Erwähnung im Manifeste. Hierauf begab ich mich in die Redaktion.

Von da fuhren wir nach dem technologischen Institut, dort schießt man, – sagte man mir in der Redaktion.

Fahren wir. Warum schießt man? – fragte ich meinen Begleiter, als wir uns in die Equipage setzten. Eine Bombe ist auf eine Gendarm-Patrouille geworfen worden. Die behauptet, daß die Bombe vom Innern des Institutes herrühre, obwohl es völlig sicher ist, daß sie von der Straße her geworfen und allem Anscheine nach von einem Provokateur herrühre; denn die Führer der Bewegung hatten fest beschlossen, keinerlei Gewaltmaßregeln anzuwenden. Allein, ungeachtet dessen, befahl irgendjemand in die Fenster des Gebäudes, wo Professoren und Studenten sich eingeschlossen hatten, zu schießen.

Fahren wir. Die Straßen sind belebt. Überall werden Manifestblätter verteilt und verkauft.

Dennoch hat dieser Umschwung erstaunlich wenig Blut gekostet, bemerkte mein Begleiter.

Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden. Und die Mandschurei! Diese 300000 russischer Verluste,[1] das ist das Blutmeer, in welches das verbrecherische Regime jetzt taucht. Verbrecher der Macht werden diese nimmermehr ohne Blutvergießen aus den Händen lassen. Nur dann, wenn sie befleckt, im ganzen in das Blut unschuldiger Op-

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[1] Es handelt sich um die Verluste, die Rußland bei seinen Niederlagen im Russisch-Japanischen Krieg von Januar 1904 bis September 1905 erlitten hatte.