Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 6, S. 673

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die Republik Hamburg bestehen lasse, um die Republik an sich lächerlich zu machen,[1] und Heinrich Heine hat diese „Republik“ mit berechtigtem Spott behandelt.[2] Doch auch anderwärts sehen wir, daß der Parlamentarismus nicht mehr genügt. Alle diese Beobachtungen, die wir über den Gang der Dinge machen, führen uns darauf, daß alle auf den Parlamentarismus gestützten Berechnungen auf Sand gebaut sind. Mehr noch: Blicken wir hin auf unsere sozialen Wetterwinkel, auf das Ruhrgebiet z. B.,[3] so ergibt sich, daß die schwebenden Konflikte weder auf dem parlamentarischen noch auf dem gewerkschaftlichen Gebiet zum Austrag gebracht werden können. Unsere Gewerkschaftsblätter machen ja jetzt schon pflichtgemäß aufmerksam auf das Mittel, das tückische Mittel des Unternehmertums, wogegen die Macht der Gewerkschaften nichts vermag: die Aussperrung! Das Kapital ist eben nicht mehr in der Defensive, sondern bereits zur Offensive übergegangen. In der maschinellen Großindustrie zeigt sich, wo sie hoch entwickelt ist, jetzt schon der sonst so gepriesene Tarifvertrag als überwunden, als überlebt. Das lehren uns die Kämpfe in der Textilindustrie Sachsens und Thüringens.[4] Und doch gab es noch bis vor kurzem in unseren Reihen Genossen, die Marx’ Lehre von der Verelendung der Massen als etwas Überwundenes darstellten, und das angesichts der Zustände, des furchtbaren Elends in der Textilindustrie. Ein Blick auf die verzweifelten, aussichtslosen Kämpfe dieser Arbeiter muß uns lehren, daß sich da ein Abgrund auftut, den die Gewerkschaft nimmer überbrücken kann. Da drängen sich denn die neuen Probleme auf, und darunter in erster Linie das des politischen Massenstreiks.

Von Anfang an war diese Frage auf einen falschen Boden gestellt – auf der einen Seite die unentwegten Verfechter, wie Bernstein und Dr. Friedeberg, auf der anderen Seite die Leute, die einfach erklären: „Generalstreik ist Generalunsinn“. Beide Seiten befinden sich in dem Irrtum zu glauben, daß der Massenstreik einfach von einem Beschluß abhänge, und beide Auffassungen sind nicht frei von der anarchistischen Denkweise. Beide Richtungen treffen in dem Gedanken überein, daß unsere Prinzipien und unsere Taktik zwei voneinander durchaus getrennte, voneinander unabhängige Dinge seien.

Wir haben lange mit Erfolg den Parlamentarismus für uns benutzt; nun muß das Küchlein das Ei, in dem es gewachsen ist, sprengen. Und wir müssen ein Ende machen mit der platten Auffassung vom Massenstreik, wie sie gerade hier in Hamburg in einzelnen Referaten zu Tage trat; auf die hundert Fragen über jeweilige Möglichkeit oder Unmöglichkeit dürfen wir uns nicht einlassen.

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[1] Vermutlich dachte Rosa Luxemburg hier, wie schon 1898, an Börnes kritische Erörterungen über die Republik in: „Menzel der Franzosenfresser“ (ders.: Sämtliche Schriften. Neu bearbeitet und hrsg. von Inge und Peter Rippmann. Dritter Band. Düsseldorf 1964, S. 871–969). Bei Ludwig Börne heißt es: „Wie soll ich eine solche Niederträchtigkeit bezeichnen? Ich könnte sie eine preußische nennen, aber das wäre lange nicht genug.“ Ders.: Sämtliche Schriften. Neu bearbeitet und hrsg. von Inge und Peter Rippmann. Dritter Band, Düsseldorf 1964, S. 951. In der Frage nach der Erbärmlichkeit knüpfte Rosa Luxemburg offenkundig an kritische Bemerkungen Börnes über Deutschland, insbesondere Preußen, einige Seiten vorher an: „Es ist zum Erbarmen, was sie in ihrer Verzweiflung nicht alle reden. Und mit solchem erbärmlichen Lumpengesindel muß man sich herumstreiten!“ (S. 945 f.) bzw.: „Und wie sie sich untereinander kennen, sich verstehen, einander loben; wie jeder seiner eigenen Schwäche und Erbärmlichkeit in der des anderen frönt!“ (S. 948.)

[2] Siehe Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski, Kapitel III. In: Heinrich Heine: Werke und Briefe, Bd. 4, Berlin und Weimar 1980, S. 57 ff.

[3] Gemeint ist der Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet vom 7. Januar bis 19. Februar 1905 von rund 215000 Bergarbeitern. Sie forderten die Achtstundenschicht, höhere Löhne, Garantien für die Grubensicherheit und die Beseitigung aller Schikanen wegen politischer Tätigkeit. – Ein Streik und Aussperrungen von 36000 Textil- und Färbereiarbeitern in Gera, Glauchau, Greiz, Meerane u. a. Orten im Kampf um höhere Löhne fand vom 20. Oktober bis 28. November 1905 statt. Er wurde vom Vorstand des Textilarbeiterverbandes abgebrochen, ohne daß Ergebnisse erzielt worden waren.

[4] Ebenda.