Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 637

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doch warnende Beispiele sein. Seien nicht die deutschen Gewerkschaften im Kampfe groß geworden? Alle vom Sozialistengesetz[1] bis auf die Buchdruckerorganisation, die sich einer gewissen Klausel fügte, vernichteten Organisationen seien beim Fall desselben zehnfach verstärkt aus dem Kampf hervorgegangen. Die russischen Arbeiter hätten so gut wie keine Organisation beim Ausbruch der Revolution gehabt, und jetzt? Jetzt haben sie die Massen so geschult, daß sie auf einen Augenblick die Arbeit bald in dieser, bald in jener Stadt einstellen. Heute haben sie Organisationen, wenn auch erst im Rohbau, aber der Kern ist gut. Man könnte den deutschen Gewerkschaften etwas von dem Geiste wünschen. (Sehr richtig!)

Aus den Darlegungen geht hervor, daß wir die Dinge nicht einseitig mechanisch auffassen dürfen und daß wir vor allem nicht nur die Inlandspolitik, sondern die Vorgänge im Ausland beachten müssen.

Wenn heute, aus einem der bekannten plötzlichen Entschlüsse heraus, der russische Despotismus mit deutschen Bajonetten gerettet werden sollte, so könnte die deutsche Arbeiterschaft nicht ruhig zusehen, wie man das russische Volk um den Preis seiner Kämpfe betrügt, sie müßte Stellung nehmen, und welches Mittel da angewendet würde, lehrte die Situation.

Der Massenstreik muß nicht unbedingt beim Nehmen des Wahlrechts angewendet werden, es kommt ganz auf die Situation an.

Aber aufgeklärt über die ganzen Vorgänge muß die Arbeiterschaft werden, damit sie dem Wort des Revolutionärs gerecht werden kann! Bereit sein ist alles! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)

Leipziger Volkszeitung,

Nr. 259 vom 8. November 1905.

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[1] Das mit 221 gegen 149 Stimmen im Deutschen Reichstag angenommene „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ trat am 21. Oktober 1878 mit seiner Verkündigung in Kraft.