Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 541

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tenden Gesichtern zog die zahllose Menge in die Alleje Jerozolimskie. Das Publikum begegnete uns überall mit Enthusiasmus. Es herrschte in der enormen Menschenmasse, die so ruhig, friedlich, mit so gehobener Stimmung schritt und für ihre Ideale so stürmische Rufe erhob, ein solcher Geist, daß alle, die uns begegneten, sofort mitgerissen wurden. Sogar die Bourgeoisie war fasziniert. So kamen wir in die Aleje Jerozolimskie. Und da geschah etwas Unbeschreibliches. Plötzlich, ohne die geringste Warnung, ohne den geringsten Anlaß von unserer Seite, ohne eine Aufforderung zum Auseinandergehen wurde eine Salve auf uns gegeben, die wir ahnungslos gingen und sangen. Und nun ging das Schießen ununterbrochen los! Der Zug löste sich auf, eine entsetzliche Panik entstand, Schmerzensschrei ringsherum, Aufstöhnen, Hilferufe. Wir retteten uns in das Gebäude Nr. 101, über den Zaun, der zu einem großen Bretterlager führte. Darauf warteten nur die Bestien und fingen an, auf unsere in dem Hofe zusammengepferchte dichte Menge wie auf die Spatzen zu schießen! Kein Entkommen war möglich. Wir waren in einer Falle. Eine ganze Viertelstunde, die uns wie eine Ewigkeit vorkam, dauerte ununterbrochen das Schießen. Mehr als 50 Personen fielen vor unseren Augen tot, mehr als 100 schwer verwundet, meistens fielen Frauen, Kinder und Greise! Andere retteten sich in das Spitalgebäude, und auch dort dauerte das Gemetzel fort. Ich weiß selbst nicht, wie ich entkam. Die Erregung der Arbeiterschaft ist jetzt furchtbar.

Vorwärts (Berlin),

Nr. 106 vom 7. Mai 1905.

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