Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 6, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2014, S. 419

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die Sache so beschämend-einfach, so ordinär-selbstverständlich, daß sogar ein preußisches Genie es einsehen könnte. Den Grund besitzenden deutschen Bauern fällt es nämlich im Traume nicht ein, nach Posen auszuwandern, weil sie eben durch ihren Grundbesitz an andere Gegenden Deutschlands gebunden sind. Ihnen aber zumuten, sie sollen etwa noch ihre meistens erbbesessenen Stücke Grund und Boden verkaufen, auf denen sie seit Generationen, von Kindesbeinen an wirtschaften, wo sie jeden Strauch und Halm, wo sie Steg und Weg kennen, dem allen sollen sie den Rücken kehren, um mit ihren sieben Sachen auf dem Buckel nach dem goldenen Vlies in den Ostprovinzen zu wandern, um sich dort in wildfremder Gegend mitten unter den verschrienen „Feinden des Königs und Vaterlands“ anzusiedeln, nein, dazu müßte der deutsche Bauer noch bedeutend dümmer sein, als man ihn offenbar in der königlich-preußischen Regierung einschätzte.

Oder sollte etwa das deutsche Landproletariat als das Menschenmaterial zu den patriotischen Sprengkolonnen im östlichen Feindeslager ausersehen, mit Grund und Boden begütert und somit mit einem Schlag zwei große Probleme: das nationale und das soziale gelöst werden? Die Idee ist des Säkularmenschen und seiner Nachfolger würdig. Nur scheitert sie an dem nichtswürdigen Umstand, daß die deutschen Landproletarier – eben in ihrer Eigenschaft als von des Kapitalismus Gnaden Proletarier – leider nicht im Besitze der nötigen Mittel sind, um sich im Posenschen oder sonst Güter zu kaufen oder in Pacht zu nehmen.

Sollte es endlich auf sonstige kapitalkräftige, nicht zum Bauernstande gehörige deutsche Bürger abgesehen sein? Nun, diese beeilen sich am wenigsten, in den Zeiten der Agrarkrise ihr Geld in Grund und Boden und noch unter so abnormen Bedingungen zu stecken. Suchen doch auch die deutschen Grundbesitzer in der Provinz Posen, die doch von früher her Güter innehaben haben, bei jeder Gelegenheit den Segen wieder los zu werden.

Woher also Kolonisten nehmen? Diese Grundfrage des Ansiedlungsprojekts war und blieb eine Quadratur des Zirkels, und an ihr zerschellte auch das ganze große Projekt.

Als erstes Ergebnis der Tätigkeit der Ansiedlungskommission stellte sich in der Provinz Posen ein rapides Preissteigen für Grund und Boden ein. Ein so williger und kapitalkräftiger Generalkäufer für Grund und Boden, wie hier der preußische Staat, konnte nicht umhin, eine lebhafte Preisbewegung hervorzurufen. Während man Mitte der 80er Jahre mit einem Preise von 560 M pro Hektar in den Ostprovinzen rechnete, schnellte er schon zu Anfang der 90er Jahre auf über 600 M und erreichte bereits um die Mitte der 90er Jahre die Höhe von 650 M pro Hektar. Seitdem setzt sich die Preistreiberei weiter fort. Daß der Verkauf der heruntergekommenen und verschuldeten Güter zu so schönen Preisen dem polnischen Junker sehr zustatten kam, versteht sich von selbst. Die auf den Ruin des Adels abgesehene Ansiedlungskommission verwandelte sich so in der Zeit der drückenden Agrarkrise in eine wahre

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