Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 6, S. 233

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unzertrennliches Ergebnis der Gründer-Ära war auf der anderen Seite – der Aufschwung der Sozialdemokratie. Im Jahre 1871 bei der ersten Wahl zum Deutschen Reichstag hatte sie ca. 100000 Stimmen erhalten. Nach sechs Jahren des großindustriellen Aufschwungs, im Jahre 1877, sammelte sie bei den Wahlen bereits eine halbe Million Stimmen auf ihre Kandidaten. Aber nicht nur numerisch war die Sozialdemokratie in kurzer Zeit zu einer Macht geworden, mit der das kapitalistische Deutschland rechnen mußte. Auch innerlich wirkte auf sie der große Aufschwung, den sie seit der Entfaltung der Großindustrie genommen hatte, stärkend und konsolidierend. Ehedem gespalten in zwei Fraktionen, die jede auf eigene Faust den Kampf mit der bürgerlichen Gesellschaft führte, – die „Lassallianer“ und die „Eisenacher“ – schloß sie sich im Jahre 1875 zu einer festen Partei zusammen und richtete nun mit verdoppelter Kraft ihre Schläge gegen die Feinde der Arbeiterklasse.[1]

Die sozialdemokratische Agitation griff immer weiter in die Volkskreise ein, ihr Einfluß wuchs mit jedem Tage, ihre Waffen im Kampfe mehrten sich beständig. Im Jahre 1878 verfügte sie bereits über 47 politische Blätter, die die Saat des Klassenkampfes in allen Winkeln Deutschlands ausstreuten, sie hatte eine Reihe Genossenschaften gegründet, sie stützte sich auf mehrere Gewerkschaften.

Die bürgerliche Gesellschaft konnte diesem erschreckenden Wachstum ihres Todfeindes nicht ruhig zusehen. Der berufene Anwalt der kapitalistisch-feudalen Ausbeutungs- und Knechtschaftsinteressen, Bismarck, der seit seinem fehlgeschlagenen Versuche, die Arbeiterbewegung durch demagogische Kniffe zum blinden Werkzeug der eigenen Pläne zu machen, gegen die Sozialdemokratie einen tödlichen Haß nährte, suchte nur noch nach einem Vorwand, um ein neues Mittel – die nackte brutale Gewalt gegen die alte Feindin anzuwenden.

Andererseits hatte die Gründerperiode auch innerhalb der bürgerlichen Ausbeutersippschaft Gegensätze und Kämpfe hervorgerufen. Auf den großen Aufschwung der Industrie, auf die tolle Jagd nach dem Profit war als unvermeidliche Folge – der große Krach gefolgt.[2] Die Großindustriellen, die an fetten Profiten Geschmack ge

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[1] Die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) erfolgte am 23. Mai 1863, in dem sich die Lassallianer formierten. Der Eisenacher Kongreß fand vom 7. bis 9. August 1869 als Allgemeiner Deutscher Sozialdemokratischer Arbeiterkongreß statt. Unter Einfluß von Karl Marx und Friedrich Engels und durch wesentlichen Anteil von August Bebel und Wilhelm Liebknecht wurde auf ihm die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gegründet. Der Vereinigungskongreß von SDAP und ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands fand vom 22. bis 27. Mai 1875 in Gotha statt. Er beschloß einstimmig ein neues Parteiprogramm und ein neues Parteistatut. Schon am 5. Mai 1875 hatte Marx seine „Randglossen zum Parteiprogramm der Deutschen Arbeiterpartei“ an Wilhelm Bracke zur Weiterleitung an Ignaz Auer, August Bebel, August Geib und Wilhelm Liebknecht gesandt, die um der Einigung willen Marx’ Kritik am Programmentwurf unberücksichtigt ließen und den Mitgliedern vorenthielten.

[2] Der sogenannte Gründerkrach von 1873 leitete in Deutschland die bis dahin schwerste zyklische Überproduktionskrise des 19. Jahrhunderts ein, die die Folge einer disproportionalen Entwicklung zugunsten der Schwer- und Rüstungsindustrie im stürmischen wirtschaftlichen Aufschwung nach der Reichseinigung von 1871 war.