Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 6, S. 474

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Programm. Und da Letzteres von einem unabhängigen polnischen Staate nichts weiß, kann auch nicht von der polnischen Organisation diese Forderung erhoben oder sonst wie betätigt werden. Alle etwaigen von der polnischen Organisation früher gefaßten und dem Erfurter Programm zuwiderlaufenden Beschlüsse sind vom Tage der vollzogenen Einigung an null und nichtig.

Der deutsche Parteivorstand ist damit mit den Genossen, welche auf die besondere Anerkennung des gedachten Abschnittes der Luxemburgschen Leitsätze Wert legen, völlig einer Meinung, er hält nur die besondere Betonung einer selbstverständlichen Sache für überflüssig.“

Dies ist die Auffassung des deutschen Parteivorstandes, die den Vertretern der polnischen Sonderorganisation in aller Offenheit und Loyalität mitgeteilt und von diesen ausdrücklich akzeptiert worden ist.

Es war notwendig, dies hier öffentlich zu konstatieren, da diese Auffassung auf dem polnischen Parteitag völlig verschwiegen worden ist.

Es kann aber nicht geduldet werden, daß die Einigung nur zustande kommt unter der Voraussetzung: Die Polengruppe betreibt ihre nationalistische Agitation unter der Oberfläche fort und die Sozialdemokratische Partei zahlt ihnen dafür Subventionen. Eine Einigung auf solcher Grundlage ist unmöglich.[1]

Volkswacht (Breslau),

Nr. 9 vom 12. Januar 1903.

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[1] Auch eine weitere Zusammenkunft von deutschem Parteivorstand und PPS am 19. Januar 1903 führte zu keiner Einigung. „Das Übereinkommen der deutschen Partei mit der PPS hat sich zerschlagen und alle Verhandlungen sind abgebrochen“, schrieb Rosa Luxemburg an Feliks Dz˙ierzyn´ski im [März 1903]. GB, Bd. 6, S. 73.

Am 1. September 1903 erschien im Verlag von Nicolaus Krasjewski, Britz-Berlin, ein 24seitiger „Offener Brief“ der PPS an die deutsche Sozialdemokratie. „Die gescheiterten Einigungs-Verhandlungen zwischen dem Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie und der Polnisch-sozialistischen Partei in Deutschland“ mit Dokumenten und Stellungnahmen zu den umstrittenen Punkten zur Information für den Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Dresden, der vom 13.–20. September 1903 stattfand. Unterzeichner waren Berfus, Biniszkiewicz, Kraszewski und Thiel. Siehe LAB, A Pr. Br. Rep. 030, Nr. 9484, Bl. 122 ff.

Im Bericht des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie an den Dresdener Parteitag wurde festgestellt: „Die Organisation der polnisch-deutschen Sozialdemokratie [PPS] bleibt außerhalb des Rahmens der deutschen Sozialdemokratie stehen. Wir haben zu derselben keine anderen Beziehungen als die durch die internationale Interessengemeinschaft bedingten.“ Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei, abgehalten zu Dresden vom 13. bis 20. September 1903, Berlin 1903, S. 21. Die in dem „Offenen Brief“ dem deutschen Parteivorstand aufgebürdete Hauptschuld wurde vom Vorstandsmitglied Karl Alwin Gerisch zurückgewiesen. Daran schloß sich eine erneute Polendebatte an, siehe ebenda, S. 273 ff. – GW, Bd. 1, 2. Halbbd., S. 378 ff. Die Differenzen zwischen der deutschen Sozialdemokratie und der PPS im preußischen Annexionsgebiet führten 1903 zur endgültigen Trennung.