ganz andere Bedeutung hat, daß nämlich nur die Betätigung der Arbeiterklasse selbst im täglichen Kampfe um naheliegende Interessen sie zur Erfüllung ihrer Rolle in dem Moment der endgültigen Befreiung erziehen kann. Jetzt wurde mit der Theorie der im Namen des Volkes handelnden Verschwörer gebrochen, es war die Zeit gekommen, wo „die Personen sprachen und der Chor handelte“. Eine neue Generation von Sozialisten stellte sich an die Spitze des gewerkschaftlichen Kampfes, um an der Hand der materiellen Bedürfnisse der Masse und ihrer alltäglichen Zusammenstöße mit der Übermacht des Kapitals das arbeitende Volk über seine Klasseninteressen aufzuklären.
Den Anfang machte eine kleine Gruppe von sozialistischen Arbeitern, die 1889 auf die glückliche Idee verfiel, den Kämpfenden zur Hilfe zu kommen durch die Organisierung einer allgemeinen Streikkasse. Diese verwandelte sich bald in den Mittelpunkt der gewerkschaftlichen Bewegung und legte den Sozialisten die Führerschaft der Masse in die Hände. An die Spitze des Kampfes gestellt, mußten sie ihm praktische und handgreifliche Ziele stecken, und eins der ersten Ergebnisse war die Erkenntnis, daß das absolute Regime dem Klassenkampfe ungeheure Schwierigkeiten in den Weg lege, daß man nicht direkt auf die soziale Revolution abzielen könne, sondern vor allem eine politische Verfassung erkämpfen müsse. Aufbesserung der materiellen Lage, Arbeiterschutz und politische Freiheiten werden zum ersten Mal in Polen zur Losung. Die Entstehung einer neuen Partei auf sozialdemokratischer Grundlage war das Werk eines Jahres. 1890 zählt der Bund Polnischer Arbeiter, so hieß die Sozialdemokratie bis 1893, schon Tausende von Anhängern in Warschau, Łódź, Żyrardów. Die Partei kommt durch den gewerkschaftlichen Kampf in Berührung mit immer breiteren Massen und benutzt dies zur Organisierung von geheimen Bildungs-, Propaganda- und Agitationszirkeln. Ein neuer Aufschwung der polnischen Industrie seit 1887 sichert dem Arbeiterkampf eine Reihe gewerkschaftlicher Siege und bewirkt ein Anschwellen der Sozialdemokratie. Nach Warschau wird noch in Łódź eine Streikkasse angelegt. Des Landes bemächtigt sich ein förmliches Streikfiebers[1], und bei der allgemeinen Aufregung der Arbeiterschaft wird in einem Jahr an sozialistischer Agitationsarbeit mehr geleistet als in den acht Jahren der isolierten Zirkelpropaganda des „Proletariat“. Die Jahre 1889–1892 sind ein wahrer Frühling des proletarischen Kampfes in Polen, ein Treiben und Sprossen des Klassenbewußtseins; die Aufregung erreicht im Mai 1892 in dem allgemeinen Streik von 80 000 Arbeitern in Łódź ihren Höhepunkt.
[1] Kongreßpolen bzw. Königreich Polen: Im Ergebnis der drei Teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795 waren die Westgebiete an Preußen und Galizien samt Krakau an Österreich gegangen, das sogenannte Kongreßpolen bzw. „Königreich Polen“ wurde auf dem Wiener Kongreß von 1815 in Personalunion mit Rußland verbunden. Nach dem niedergeschlagenen polnischen Aufstand von 1863 behandelten die zaristischen Behörden jedoch die annektierten polnischen Gebiete nicht mehr weiter als »Königreich«, sondern als bloße Provinzen, die sie administrativ aufspalteten. Die Bezeichnung „Polen“ wurde verboten und nur noch vom „Weichselland“ gesprochen. Zugleich wurde eine Politik der „Russifizierung“ verfolgt. – Im Ausland galt »Kongreßpolen« weiterhin als Synonym für den russisch besetzten Teil Polens. Rosa Luxemburg und Leo Jogiches hingegen zogen den Begriff vom 1867 aufgelösten »Königreich Polen« vor, der einerseits die Gleichberechtigung Polens gegenüber Rußland betonte, andererseits die Unabhängigkeit von den Signatarmächten des Wiener Kongresses – „Kongreßpolen“ – signalisierte. Dementsprechend nannten sie ihre 1893 gegründete Partei „Sozialdemokratie des Königreiches Polen“ (SDKP). 1900 wurde daraus die „Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens“ (SDKPiL).