Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 342

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VII Die Reichsbankvorlage

Das bedeutendste Ereignis der verflossenen Woche auf wirtschaftlichem Gebiete waren die Verhandlungen des Reichstages über die Reichsbank-vorlage. Die uns hier interessierenden Punkte dieser Vorlage sind: 1. die Erhöhung des Grundkapitals der Reichsbank um 30 Mill. M – von 120 auf 150 Mill. M; 2. die Verpflichtung der Privatnotenbanken, nicht unter dem Prozentsatze der Reichsbank zu diskontieren.

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß diese Fragen eigentlich nur die Kapitalisten, die Finanzleute, die Agrarier, überhaupt jene Klassen, die mit der Bank Geschäfte treiben, etwas angehen können, nicht aber die Arbeiterklasse. Allein dies wäre ein Trugschluß. Freilich hat die Arbeiterklasse unmittelbar kein Interesse an der Reichsbank und an jener oder dieser Gestaltung des Bankwesens. Ihre Interessen werden aber mittelbar in weitgehendster Weise davon berührt. Da die jeweilige Lage der Arbeiterklasse und desgleichen ihre Bestrebungen zur endgültigen Befreiung vom kapitalistischen Joche auf der eigenen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft basieren, so hängt der proletarische Kampf in höchstem Maße von alledem ab, was den Gang der kapitalistischen Entwicklung beeinflußt. In dieser Beziehung spielt aber das Bankwesen, d. h. das Geld- und Kreditwesen, eine kolossale Rolle.

Was vor allem in den beiden erwähnten Punkten der Regierungsvorlage Ober die Reichsbank zum Ausdruck kommt, ist erstens die kolossale Entwicklung der Industrie und des Handels, der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Jahre, zweitens die Hand in Hand damit gehende Tendenz zur Konzentration der Geld- und Kreditgeschäfte. Die Reichsbank wurde 1875 gegründet, seitdem hat sich ihr Geschäftsbetrieb in den wichtigsten Zweigen folgenderweise vergrößert:

Die Wechselanlage der Bank betrug 1876 402,9 Mill. M, 1898 dagegen 713,9 Mill., d. h., die Erweiterung des Geschäfts beläuft sich auf 77 Prozent.

Der Banknotenumlauf betrug 1876 684,9 Mill., im vorigen Jahre 1 Milliarde 124 Mill. M; hier erreicht die Vergrößerung des Betriebes 64 Prozent.

Endlich beliefen sich die fremden Gelder der Reichsbank 1876 auf 218,8 Mill., jetzt 474,6 Mill. M, was eine Erweiterung um ganze 117 Prozent, d. h. mehr als eine Verdoppelung des Geschäftsumfangs, darstellt.

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