Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 356

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Landwirtschaft, der zuliebe die italienische Regierung die ungeheuren Kornzölle einführte und das Volk zu Revolten trieb. Trotzdem der Zoll seit 1887 bis 1894 von 1,40 fr pro Quintal auf 7,50 fr erhöht wurde, hob sich die Getreideproduktion bis 1896 nur von 34,7 Mill. Quintalen auf 39,9 Mill. Die Zölle dienten also offenbar nicht zur Hebung der Produktion, sondern zur mühelosen Bereicherung der Agrarier.

Endlich, sagt Canovai, sind es nicht die Sozialisten, die mit ihrer Agitation im Volke Unzufriedenheit und den oppositionellen Geist erzeugen. Die finanzielle und politische Mißwirtschaft ist es, die das Volk zur Verzweiflung treibt, aber auch – die parlamentarischen Skandale, die Bankskandale, die das Ansehen der Regierung in der öffentlichen Meinung tief erschüttern und die Achtung des Volkes vor dem Staate untergraben. Auch jetzt sei die Politik der Regierung, d. h. die Verfolgungen der Opposition, die Deportationen, die Unterdrückung der öffentlichen Meinung in ihren Äußerungen, ein ganz verkehrter Weg zur Besserung der Lage. Das sei ein Kampf gegen die Symptome und nicht gegen das Übel selbst. Erleichterung der Steuerlast, namentlich ihre gerechtere Verteilung, Abschaffung des Schutzzollsystems, Aufräumung mit der skandalösen Eisenbahnwirtschaft und mit der ganzen politischen Korruption, dies sei, was Italien allein wieder in die Höhe bringen könnte.

So heißt das Grundübel, an dem das italienische Volk dahinsiecht, mit richtigem Namen genannt: skrupellose Klassenherrschaft, brutale Geldsackregierung. Und dementsprechend ist auch von der heutigen Regierung Italiens ebensowenig zu erwarten, daß sie dem drohenden Mahnwort Canovais folgt, wie von einem Distelstrauch, daß er Feigen erzeugt. Nur das arbeitende Volk selbst kann, indem es der rücksichtslosen Klassenherrschaft ebenso rücksichtslos den Klassenkampf erklärt, die allgemeinen Zustände Italiens sanieren.

III Französische Professorenweisheit über den Marxismus

„Geschichte der ökonomischen Lehren“ von Joseph Rambaud, Professor der politischen Ökonomie an der katholischen Fakultät des Rechtes in Lyon, Paris 1899.

In den meisten bis jetzt erschienenen Geschichten der ökonomischen Lehren findet die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gar keine Berücksichtigung; höchstens wird in einem oder zwei einschlägigen Werken der

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