Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 523

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III Die Gegensätze

Leipzig, 15. September

Will man die wirklichen Gegensätze zwischen der Bernsteinschen Richtung und der Partei kennzeichnen, so kann man dies nicht schärfer und klarer tun, als indem man die Worte Bebels auf dem Erfurter Parteitag wiederholt, wobei nur, wo er Vollmar nennt, an Bernstein zu denken ist.

„Vollmar sieht eine wesentliche Besserung in den gegenwärtigen politischen Verhältnissen, er glaubt, daß ein ‚neuer Kurs‘ eingeschlagen worden sei ... Wir sollten den Weg der Verhandlungen betreten und suchen, auf Grundlage der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung wirtschaftliche und politische Verbesserungen zu erreichen. ‚Dem guten Willen die offene Hand!‘ Unkenntnisse und Vorurteile machten nicht wenige gute Menschen zu Gegnern unserer Bestrebungen, wir müßten Selbstkritik und Selbstbeschränkung üben ... Da muß ich nun erklären, [daß,] wenn die Partei die Taktik Vollmars befolgte und ihre ganze Agitation zunächst auf die Erkämpfung dieser 5 Punkte (des nächsten Programms – R. L.) konzentrierte mit vorläufiger Beiseitesetzung unserer eigentlichen Ziele, dieses ein Kampf wäre, der nach meiner Überzeugung mit Notwendigkeit zur Versumpfung der Partei führen müßte. Das bedeutete ein vollständiges Abziehen von unserem eigentlichen Ziel. Wir handelten also gerade umgekehrt, wie wir handeln müßten und bisher gehandelt haben. Wir kämpften bisher um alles, was wir vom heutigen Staate erreichen können, aber was wir immer erringen – das ist stets betont worden –, ist nur eine kleine Konzession und ändert an dem wahren Zustande der Dinge absolut nichts. Wir haben das Ganze im Auge zu behalten, und jede neue Konzession hat für uns nur die Bedeutung und den Zweck, daß wir den Kampfboden, auf dem wir stehen, uns besser herrichten, um uns verteidigungsfähiger zu machen ... Für uns aber handelt es sich darum, daß wir den Massen zeigen, wie ihnen die Gegner auf ihrem eigenen Boden die elementarsten und gerechtfertigtsten Forderungen verweigern. Diese Aufklärung der Massen über unsere Gegner ist die Hauptaufgabe für unsere parlamentarische Tätigkeit und nicht die Frage, ob zunächst eine Forderung erreicht wird oder nicht ... Wir vertreten die Interessen der Arbeiterklasse im Gegensatz zu den Interessen aller anderen Klassen, und dabei können wir uns unter keinen Umständen auf ein Paktieren einlassen, wie es Vollmar in seiner ersten und noch mehr in seiner zweiten Münchener Rede befürwortet ... Nach seiner Taktik kämen wir mit Naturnotwendigkeit dahin,

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