Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 95

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Polen tritt tatsächlich in eine neue Phase des politischen Lebens. Nur läßt sich das Wesen und die Bedeutung des Ereignisses nicht im engen Gesichtskreis der Tageserscheinungen erfassen; die Umrisse der neuen Epoche werden deutlich sichtbar erst aus der Perspektive der ganzen politischen Entwicklung Polens seit der russischen Annexion.

I

Die nationalistischen Geschichtsschreiber nehmen die Ehre, in Kongreßpolen[1] die moderne Industrie begründet zu haben, für die polnische autonome Regierung in Anspruch und rechnen ihr gerade als höchst vaterlandsrettende Tat an, daß sie den Segen der bürgerlichen Entwicklung über das Land ergossen. Wenn die patriotischen Geschichtsschreiber besser die Geschichte Polens und speziell die Rolle der Bourgeoisie in derselben verständen, sie würden getrost das Verdienst, sie großgezogen zu haben, denjenigen überlassen, denen es in Wahrheit gebührt – der russischen Regierung: die polnische Bourgeoisie, das war der Fleisch gewordene Gedanke der Fesselung Polens an Rußland.

Es waren die Zaren-Ukase (1815–1830)[2], welche die Manufakturisten vom Ausland nach Polen herbeilockten und die alte adelige Ordnung durchbrachen, um die ersten Bedingungen für eine moderne Industrie zu schaffen. Es waren die offenen Renegaten und Russendiener, die polnischen Magnaten, welche als autonome Regierung Kongreßpolens im innigsten Einvernehmen mit Rußland die Förderung der Großindustrie unternahmen. Es war endlich Rußland, welches dem illegitimen Kinde der Knute und des Verrats die ersten Lebenssäfte zugeführt: Der Absatz in Rußland sicherte in dem ersten Jahrzehnt der polnischen Industrie ihre ganze Existenz.

Das Kind hat seine Herkunft nicht verleugnet. Die polnische Industrie wurde zur Ausfuhrindustrie nach Rußland, noch bevor sie sich einen inneren Markt in Polen selbst geschaffen, und die polnische Bourgeoisie wurde zur Vertreterin der Verschmelzung Polens mit Rußland, lange bevor sie zu einem bedeutenden Faktor des sozialen Lebens im Inneren Polens geworden. Ihr erster Lebensschrei war: Fort mit der polnischen Abgeschlossenheit! Fort mit der Zollinie zwischen Polen und Rußland! „Polen ge-

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[1] Kongreßpolen bzw. Königreich Polen: Im Ergebnis der drei Teilungen Polens von 1772, 1793 und 1795 waren die Westgebiete an Preußen und Galizien samt Krakau an Österreich gegangen, das sogenannte Kongreßpolen bzw. „Königreich Polen“ wurde auf dem Wiener Kongreß von 1815 in Personalunion mit Rußland verbunden. Nach dem niedergeschlagenen polnischen Aufstand von 1863 behandelten die zaristischen Behörden jedoch die annektierten polnischen Gebiete nicht mehr weiter als »Königreich«, sondern als bloße Provinzen, die sie administrativ aufspalteten. Die Bezeichnung „Polen“ wurde verboten und nur noch vom „Weichselland“ gesprochen. Zugleich wurde eine Politik der „Russifizierung“ verfolgt. – Im Ausland galt »Kongreßpolen« weiterhin als Synonym für den russisch besetzten Teil Polens. Rosa Luxemburg und Leo Jogiches hingegen zogen den Begriff vom 1867 aufgelösten »Königreich Polen« vor, der einerseits die Gleichberechtigung Polens gegenüber Rußland betonte, andererseits die Unabhängigkeit von den Signatarmächten des Wiener Kongresses – „Kongreßpolen“ – signalisierte. Dementsprechend nannten sie ihre 1893 gegründete Partei „Sozialdemokratie des Königreiches Polen“ (SDKP). 1900 wurde daraus die „Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauens“ (SDKPiL).

[2] Siehe Rosa Luxemburg: Die industrielle Entwicklung Polens. In: GW, Bd. 1/1, S. 119–121.