Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 1.1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 621

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seits eine ganz gleichartige Stellung in der Kammer einzunehmen wie die Gruppe Vaillant-Zévaès.

Bis jetzt ging die Gruppe Jaurès angesichts der nationalistisch-klerikalen Krise Hand in Hand mit bürgerlichen antinationalistischen Elementen, und dies war es, was eine heftige Opposition der anderen sozialistischen Richtung hervorrief. Allein die Allianz war selbstverständlich nur eine rein äußerliche, und der gegen den Generalstab gerichtete Kampf wurde bei jedem der beiden Flügel der revisionistischen Armee von direkt entgegengesetzten Gesichtspunkten geführt.

Während die Sozialisten in den Verbrechen des Generalstabes den Militarismus, in den Auswüchsen das System bekämpften, suchten die bürgerlichen Revisionisten gerade umgekehrt den Militarismus durch die Beseitigung seiner Auswüchse zu sanieren und lebensfähig zu machen.

Dieser grundsätzliche Unterschied kam im Laufe der Kampagne aus verschiedenen Gründen nicht in dem Maße zum Ausdruck, um die völlige Rechtmäßigkeit der Jaurèsschen Taktik auch den anderen sozialistischen Fraktionen mundgerecht zu machen.

Um so gebotener erscheint nunmehr, nach der beendigten Kampagne, ein unmittelbarer und grundsätzlicher Vorstoß gegen den Militarismus, wie ihn die Forderung der Einführung der Volkswehr darstellt. Mit einer solchen Forderung in der Kammer zerschneiden die Sozialisten das Tischtuch zwischen sich und ihren gestrigen Alliierten aus der Bourgeoisie und decken den Abgrund auf, der zwischen den beiden Flügeln der Revisionsarmee in der Dreyfus-Affäre tatsächlich lag.

Ebenso wird die sozialistische Gruppe um Jaurès dahin gedrängt, auch in den Fragen der allgemeinen und Sozialpolitik dieselbe Stellung in der Kammer einzunehmen, die die Gruppe von Vaillant-Zévaès bereits eingenommen hat.

Wenn der Eintritt Millerands in das Ministerium so große Entrüstung in einem Teile des sozialistischen Lagers hervorgerufen hat, so läßt sich das zweifellos nur aus der Abneigung gegen die Theorie der sogenannten partiellen Machteroberung erklären, eine Theorie, die in der Annahme des Ministerportefeuilles eine Methode des sozialistischen Kampfes sieht, die gleichwertig ist der Eroberung von Sitzen für die gesetzgebenden Volksvertretungskörper. Würde sich die Gruppe der „Petite République“ auf diesen Standpunkt stellen, so wäre die Einigung zwischen den streitenden Fraktionen allerdings eine schwierige Aufgabe, denn das Streitobjekt wäre alsdann eine grundsätzlich verschiedene Auffassung von den Methoden des sozialistischen Kampfes.

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