Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 521

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dung seiner Ausführungen, daß doch etwas anderes in seinen Reden stände, als man darin sehe, eine Reihe von Zitaten aus denselben gegeben. Nun ist aber doch eins bei alledem sehr auffallend: Vollmar sieht sich genötigt, seine am 1. Juni gehaltene Rede dem Druck zu übergeben, weil man falsch über sie berichtete; alsdann sieht er sich wieder genötigt, nachträglich noch eine zweite Rede zu halten, die als Interpretation der ersten Rede gelten muß. Nachdem er aber beide dem Druck übergeben hat, muß er hier eine dritte Rede halten, die wieder als eine Interpretation der ersten und zweiten Rede anzusehen ist.“

Hier haben wir genau die Geschichte der Bernsteinschen Artikel in der „Neuen Zeit“, die er dann durch einen Brief an den Parteitag interpretieren mußte, worauf er ein Buch schrieb, um die Artikel und den Brief zu kommentieren, worauf wieder ein Artikel in der „Neuen Zeit“ und im „Vorwärts“ folgten, die das Buch vor Mißverständnissen verteidigen sollten, und nach alledem sieht sich Bernstein heute von seinen Kritikern ebenso gänzlich mißverstanden, wie es 1891 Vollmar war.

Zwischen diesen beiden Endpunkten in der Entwicklung des Opportunismus, zwischen den ersten Reden Vollmars und dem Buche Bernsteins, wiederholte sich das „Mißverständnis“ regelmäßig bei jeder seiner Kundgebungen. Der ganze Lärm infolge der Heineschen Kompensationsvorschläge (Kanonen gegen Volksrechte)[1] soll ein pures Mißverständnis gewesen sein, denn Genosse Heine dachte bloß an eine Bewilligung von Kanonen an die sozialistische und nicht an die kapitalistische Regierung.

Die Schippelsche Verteidigung des Militarismus und Verhöhnung der Miliz war nichts als eine Einbildung von Leuten, die ihn gründlich „mißverstanden“ haben. Das „Mißverständnis“ begleitete so regelmäßig namentlich die Ausführungen Schippels, daß, als er auf dem Hamburger Parteitag wieder einmal erklärte: „Man hat meine Worte von gestern wohl mißverstanden“, ihm Rufe: „Aha!“ und Gelächter antworteten.[2] Man ist eben in der Partei schon daran gewöhnt, bei jeder Gelegenheit, wo eine Abrechnung mit dem Opportunismus zu drohen scheint, von „Mißverständnissen“ zu hören.

Gerade dieser Umstand macht aber, wie gesagt, die Hypothese von dem ewigen Mißverständnis so sehr verdächtig. Ihr regelmäßiges Auftauchen läßt sich auch nur durch zweierlei Gründe erklären. Zum Teil ist es einfach der Wunsch, einer Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen, jedesmal wo eine Äußerung oder Handlung in mißliebiger Weise auf-

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[1] Wolfgang Heine hatte in einer Rede am 10. Februar 1898 im dritten Berliner Reichstagswahlkreis die opportunistische Auffassung vertreten, die Sozialdemokratie könne einer preußisch-junkerlichen Regierung Militärforderungen für „Volksfreiheiten“ bewilligen. Mit diesem Kompromiß wollte Heine den antimilitaristischen Kampf der deutschen Sozialdemokratie revidieren.

[2] Protokoll des Parteitages in Hamburg, 1897, S. 136.