Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 34

https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-1/seite/34

jetzt keine der polnischen herrschenden Klassen an die Wiederherstellung Polens. Und das polnische Proletariat – das Proletariat kann eben auch nur auf dem Rade der Geschichte vorwärtskommen, nicht aber dasselbe nach rückwärts umdrehen.

Noch ein Wort. Die Herausgeber des Londoner Bulletins (der Auswärtige Verband polnischer Sozialisten), welche das sozialpatriotische Programm vertreten und die galizischen und preußisch-polnischen Sozialisten zur Annahme desselben drängen, behaupten von diesen beiden Parteien, sie haben die Forderung der Wiederherstellung Polens in ihr Programm ganz bestimmt aufgenommen, sie können es nur nicht offen heraussagen, um sich nicht des Hochverrats schuldig zu machen.[1] Diese Parteien sollen somit in bezug auf den Nationalismus eine Art politischer Kryptogamen sein, die ihr Programm zugleich haben und nicht haben – je nach den Umständen – und in deren Namen man immer sprechen kann, was man will, ohne daß sie zu protestieren brauchten. Das ist allerdings sehr schlau, aber Schlauheit in großen Dingen hat schon manchen den Hals gekostet, denn Verkleidung gilt auf dem Markte der Geschichte nicht. Was der polnischen Bewegung jetzt am meisten not tut, ist gerade Klarheit in der politischen Stellung. Denn die Politik der Schwankungen hat nicht nur in bezug auf das Programm, sondern im praktischen Leben der polnischen Parteien eine heillose Verwirrung geschaffen. Für die Sozialisten Galiziens beginnt die Verwirrung mit dem letzten Beschluß, betreffend die Maifeier. Für die polnischen Sozialisten Deutschlands datiert sie aber schon seit ihrer Sonderorganisation. Die beste Probe davon liefern eben ihre Beziehungen zu der deutschen Partei, die sie immer noch, seit 1893, nicht ins klare zu bringen vermochten. Als sich die polnischen Genossen als eine selbständige Partei organisierten, haben sie zugleich beschlossen, sich an den Parteitagen der deutschen Sozialdemokratie durch einen Delegierten vertreten zu lassen. Auf dem Kölner Parteitag erschien auch ihr Delegierter Nikulski mit einem Antrag, der dahin ging, der Parteitag solle die sozialdemokratische Fraktion beauftragen, einen Gesetzentwurf über die Sprachfreiheit in den polnischen Provinzen im Reichstag einzubringen. Durch die Absendung eines Delegierten zum deutschen Parteitag wurde der Notwendigkeit, in einer engen Verbindung mit der deutschen Partei zu verbleiben, Ausdruck gegeben. Aber die polnischen Genossen scheinen bei ihrem Beschluß vergessen zu haben, daß es unmöglich ist, aus einer Partei ausgetreten zu sein

Nächste Seite »



[1] „Nos amis de ces deux parties de la pologne ne peuvent pas arborer ouvertement leurs tendances séparatistes sans encourir des graves condamnations pour crime de haute trahison.“ Bulletin off., Nr. 1. S. 4. [Fußnote im Original]