behalten, um, wie sie sagten, dem Volke das Brot nicht zu verteuern.[1] Das Bild verschob sich also augenblicklich, und aus einem Kampfe zweier nationaler Parteien gestaltete sich die Getreidetariffrage in Polen zu einem Streit der Agrarier mit den Industriellen. Dabei gingen die letzteren gemeinsam mit den russischen Grundbesitzern der zentralen Gouvernements vor, die polnischen Grundbesitzer zogen dagegen mit den russischen Agrariern aller Grenzrayons gemeinsam ins Feld.[2]
Die buntscheckige Gruppierung der Interessen trat besonders zutage bei den Beratungen über die Getreidetarife in St. Petersburg im Oktober 1896. Auf der einen Seite standen die Vertreter des Wolgarayons, dessen Sache, wie wir gesehen haben, zugleich diejenige der polnischen Industriellen war, auf der anderen die Agrarier von Livland, Witebsk, Odessa, die polnischen Grundbesitzer und, was am interessantesten, auch die Grundbesitzer des Moskauer Rayons. Im größten Einvernehmen traten hier Polen und Moskauer auf, und die polnischen Grundbesitzer und Müller erklärten sich vollkommen einverstanden mit dem Programm des Fürsten Schtscherbatow, des Vorsitzenden der Moskauer Landwirtschaftlichen Gesellschaft.[3] Um andererseits den Interessengegensatz der Industrie mit dem der Landwirtschaft in Polen selbst gleichsam zu unterstreichen, hielt u. a. der Vorsitzende Maximow den polnischen Vertretern entgegen: Wenn Polen seine Fabrikerzeugnisse im Innern Rußlands ungehindert absetzen dürfe, so sei es sehr inkonsequent, den landwirtschaftlichen Produkten aus dem Innern Rußlands den Zutritt nach Polen verwehren zu wollen.[4]
Nach den obigen Beispielen, die wir nicht häufen wollen, dürfte es als bewiesen erscheinen, daß die Interessen der polnischen und der russischen Unternehmergruppen durchaus nicht in allen Punkten einander wider-
[1] Kurjer Warszawski vom 5. November 1894. [Fußnote im Original]
[2] „Die Aufhebung der starken Differenzierung der Tarife dürfte keinen Schwierigkeiten vom Standpunkte der angeblichen (!) Interessen der unteren Volksklassen Polens begegnen … Die Verarmung der ländlichen Bevölkerung Polens (infolge der differ. Getreidetarife), welche auch eine Verschlechterung der materiellen Lage der Fabrikindustrie nach sich zieht, kommt nur großindustriellen Unternehmungen zugute, welche infolge verhältnismäßig niedriger Getreidepreise und dementsprechend niedriger Arbeitslöhne allein aus dem allgemeinen Unheil den Nutzen ziehen.“ „Auf Grund alles oben Angeführten ist es zweifellos, daß es im Interesse der Grundbesitzer der beiden an den inneren Absatzmärkten nahe gelegenen Rayons, des polnischen und des nördlichen Scbwarzerderayons, ebenso wie der Grundbesitzer aller an den Höfen gelegenen Rayons als erwünscht erscheint, daß die Getreidetarife folgendermaßen reorganisiert werden …“ (Memorandum des Warschauer Börsenkomitees über die Eisenbahntarife für Getreide, S. 31, 32 u. 37.) [Fußnote im Original]
[3] St.-Petersburger Nachrichten, 1896, Nr. 242 u. 243; Gazeta Handlowa vom 21. September 1896. [Fußnote im Original]
[4] l. c. vom 8. Oktober 1896. [Fußnote im Original]