Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 180

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einander die Hand, um im edlen Wettkampf um den Profit den eigenen Landsleuten gelegentlich einen Schlag auf den Beutel zu versetzen. Was somit auf dem industriellen Schachbrett gegeneinander auftritt, sind nicht nationale, sondern kapitalistische Parteien, nicht Polen und Russen, sondern Spinner und Weber, Maschinenbauer und Grundbesitzer, und auf den über den Kämpfern wehenden Fahnen sieht man statt des einköpfigen und zweiköpfigen Adlers nur das internationale Emblem des Kapitalismus. Endlich erscheint uns unerwarteterweise auch die Regierung in der eigentümlichen Rolle einer gütigen Mutter, welche alle profitmachenden Landeskinder, wenn diese auch einander beständig in den Haaren liegen, unterschiedslos an ihre breite Brust hält und bald die einen, bald die anderen auf Rechnung der Konsumenten zu besänftigen sucht. Die obigen Erscheinungen kehren in der Geschichte der polnischen und der russischen Industrie unzählige Male wieder und sind für die hier behandelte Frage von so entscheidender Bedeutung, daß es sich wohl lohnt, sie noch an einigen typischen Fällen zu exemplifizieren. Es ist z. B. höchst belehrend, zu beobachten, wie die beiden Hauptgegner – die Unternehmer des Łódźer und des Moskauer Rayons –, die man für Vertreter der Interessen der ganzen polnischen resp. russischen Bourgeoisie anzunehmen geneigt wäre, bei jeder Gelegenheit den anderen Rayons des eigenen Landes ein Bein zu stellen suchen. So versuchen die Łódźer Baumwollfabrikanten in ihrer erwähnten Streitschrift, die Eifersucht der Moskauer Fabrikanten von sich ab- und dem altpolnischen Wollindustrierayon Bialystok zuzuwenden. „Wenn man von einer Konkurrenz sprechen kann, so ist für Moskau viel gefährlicher Bialystok und sein Rayon“[1], reden sie ihrem Widersacher ein. Gleichzeitig denunzieren dieselben Łódźer Unternehmer ihre leiblichen Brüder vom Sosnowiecer Rayon alleruntertänigst der russischen Regierung, indem sie darauf hinweisen, daß im letzteren ein ganzes Drittel der Arbeiterschaft deutsche Untertanen sind, während im Łódźer Rayon – gottlob – nur 8 %. Nicht weniger brüderliche Gefühle tragen auch die Moskauer Kapitalisten zur Schau, wenn sie auf die Geschäfte ihrer Genossen in den anderen russischen Industrierayons zu sprechen kommen. So hören wir sie wehklagen aus Anlaß eines vom Ministerium des Verkehrs ausgearbeiteten Planes der Regulierung der Wasserstraßen in Rußland: „Ebenso die kleinen wie die vielmillionigen Ausgaben sind ausschließlich für die westliche und südliche Zone Rußlands bestimmt. Das ganze zentrale Gebiet Rußlands ist fast gänzlich vergessen worden. Dieses Gebiet, dieses vernachlässigte Zentrum Rußlands, essentiell russische

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[1] A. S.: Moskau und Łódź, S. 32. [Fußnote im Original]