Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 108

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ziger Jahren im Schatten stehende Adel wieder in den Vordergrund tritt. Während für die Bourgeoisie der russische Absolutismus nur ein historisch bedingtes, wenn auch einstweilen vollkommen ausreichendes Surrogat ihrer politischen Herrschaft ist, ist der Adel in der bürgerlichen Gesellschaft eine von Natur zur Unterstützung des Absolutismus bestimmte Klasse, Es war aber nötig, daß der Adel zuerst im Kampfe mit dem Absolutismus unterlag, daß er dann seine eigene, historisch gegebene Physiognomie verleugnete, diejenige seines Widersachers – der Bourgeoisie – annahm und sich politisch verbürgerlichte, um erst jetzt wieder in die adelige Haut zu fahren und seine soziale Funktion als Stütze des Thrones zu finden. Schon fordert der reaktionärste russische Offiziosus, die „Moskauer Nachrichten“, man solle bei der geplanten Einführung der ländlichen Selbstverwaltung (Semstwos) in Polen diese Institution dem Adel als dem zuverlässigsten Stande in die Hände legen. Und das Projekt der Aufhebung der bäuerlichen Servitute auf herrschaftlichen Gütern beweist, daß der Absolutismus es nunmehr für überflüssig hält, den Adel durch den Bauern zu bedrohen, und daß der Adel umgekehrt sich geeignet zeigt, um im Namen des Absolutismus eventuell den Bauern im Zaume zu halten.

Die Geschichte der politischen Aspirationen Polens ist zugleich die Geschichte des polnischen Nationalismus. Es war am 1. September das erste Mal, daß die herrschenden Klassen im Namen des ganzen Polens vor dem russischen Alleinherrscher zu sprechen wagten. Noch vor sieben Jahren wäre ein solches Auftreten undenkbar gewesen, es konnte stattfinden erst nach den letzten Kraftproben des kleinbürgerlichen Nationalismus der hundertjährigen Verfassungsfeier am 3. Mai 1891, der „nationalen Trauer“ 1893 und der Kościuszko-Feier 1894. Ein Häuflein unschlüssiger Studenten, welche selbst am meisten durch das eigene Wagnis erschreckt waren, das war alles, was von der nationalen Armee übriggeblieben. Das Bild, welches die letzten Mohikaner des Patriotismus boten, war so jammervoll, daß sich die gesamte polnische Presse erlauben konnte, sie „kopflose Straßenjungen“ zu taufen. Demnach durften die Bourgeoisie und der Adel jede Rücksicht beiseite legen. Und die Nationalisten haben ihnen wieder recht gegeben. Beim Zarenempfang, wo für alle Anhänger der Wiederherstellung Polens der letzte Termin war zu reden, wo der kleinste nationalistische Mißton die ganze Zeremonie in einen Katzenjammer verwandeln konnte, wurde keine Stimme laut. Ja noch mehr, der patriotische Teil der Kleinbürger und der Intelligenz sahen schweigend zu, wie in ihrem Namen alle Zünfte und namhafte Vertreter der Journalistik an der Demonstration teilnahmen.

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