Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 827

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Deshalb rivalisiert unser Bürgertum mit unserem Adel darin, uns einzureden, daß uns nichts bedrückt außer der Germanisierung, daß wir keine anderen Feinde haben als die Hakatisten. Das ist nichts anderes als ein Manöver, als eine Politik, um dem arbeitenden Volke Sand in die Augen zu streuen, seine Aufmerksamkeit einzig und allein auf die deutschen Feinde zu lenken und von den Feinden abzuwenden, die es im eigenen Hause hat. Diese unsere „Führer“ des Volkes wollen, daß das Volk nur an seine Sprache und an seinen katholischen Glauben denkt, nicht aber daran, daß sein Magen leer ist; daß es lediglich gegen die Hakatisten kämpft, nicht aber gegen die Ausbeutung durch seine eigenen Parasiten und gegen die politische, Zoll- und militärische Bedrückung der Regierung.

Darum müssen wir den ganzen „Patriotismus“ unserer höheren polnischen Schichten für einen gemeinen Volksbetrug halten! Nicht hinter ihnen, nicht mit diesen Grundbesitzern und Bürgerlichen dürfen wir gehen, sondern gegen sie; nicht in der Gemeinschaft mit ihnen Rettung für unsere Nationalität suchen, sondern im Kampfe gegen sie sowohl unser Wohlergehen als auch unsere Muttersprache verteidigen. Das polnische Volk kann nur auf sich selbst rechnen und auf die einzige Klasse, deren Unglück dem seinen gleicht: auf das deutsche arbeitende Volk. Möge sich der polnische Handwerker, Arbeiter, Bergmann zum Kampfe erheben, möge er seine Anstrengungen mit den Bestrebungen der deutschen Leidensgenossen vereinen, und die deutsche Regierung und die Hakatisten werden mit dieser Macht rechnen müssen. Unter dem Banner der Sozialdemokratie, dieser einzigen Zuflucht für Freiheit und Gerechtigkeit, muß sich das polnische arbeitende Volk scharen. Dort findet es den Schutz seines Wohlergehens, seines Familienlebens, seiner bürgerlichen Rechte und seiner Muttersprache.

Der Agrarier, der Fabrikant, der Kapitalist, ob deutscher oder polnischer, ist unser Feind, aber der deutsche Arbeiter unser Verbündeter, der genauso unter der Ausbeutung durch das Kapital und der Unterdrückung durch die herrschenden Klassen zu leiden hat wie auch wir. Nach dem Beispiel des arbeitenden Volkes in Deutschland muß auch unser polnisches Volk den Kampf um sein materielles und geistiges Dasein aufnehmen und muß sich zu diesem Zweck organisieren, muß in die Gewerkschaften eintreten, um gemeinsam den Kapitalisten zu widerstehen, muß Arbeiterzeitungen und -broschüren lesen, um sich zu bilden und seine Bedürfnisse und Aufgaben zu begreifen. Vor allem aber müßte unser arbeitendes Volk bei den Parlamentswahlen nur für seine sozialdemokratischen Arbeiter-

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