Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 1.1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 739

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besten gibt und dabei zur Illustrierung der Wirkung des „ideellen Faktors“ in der Geschichte mit großem Ernst das alte, selbst von den Ammen der bürgerlichen Geschichtsschreibung bereits fallengelassene Märchen auftischt, wonach die Abschaffung der Sklaverei das Werk des Christentums sei. Freilich sollte selbst ein kgl. sächsischer Legationsrat bereits wissen, daß das Christentum an der Beseitigung der antiken Sklavereigreuel ebenso unschuldig ist, wie es an den heutigen Kolonialgreueln (siehe Kongo![1]) den geringsten Anstoß nimmt.

Jedoch könnten, wie gesagt, die geschichtsphilosophischen Ansichten des Verfassers dem Leser ziemlich gleichgültig sein, wenn sie nicht auch unmittelbar auf die Behandlung des Hauptthemas von Einfluß gewesen wären. Nostitz führt nämlich den in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eingetretenen Aufschwung der englischen Arbeiterklasse hauptsächlich auf das Erwachen des Gewissens in den herrschenden Klassen, auf „jene ideellen Mächte des Guten, des Christentums, der Aufklärung“ zurück, die „an den oberen Ständen arbeiten“. (S. 769.)

Da er somit den inneren Zusammenhang zwischen dem Aufschwunge des englischen Proletariats und der Herrschaft der englischen Industrie auf dem Weltmarkt, ferner den Zusammenhang zwischen dem „sittlichen Erwachen“ der oberen Stände Englands und dieser industriellen Herrschaft einerseits sowie dem spezifischen parlamentarischen Schaukelsystem unter dem System des allgemeinen Wahlrechts andererseits verkennt, so hat er auch gar kein Verständnis für die Tatsache, daß seit etwa einem Jahrzehnt in diesen grundlegenden Verhältnissen Englands ein radikaler Umschwung sich vollzieht. Er bemerkt denn auch gar nicht, daß bereits der große Maschinenbauerausstand[2] einen wichtigen Markstein und vielleicht schon den Anfang einer neuen Phase in der gewerkschaftlichen Entwicklung Englands bildet, so, wie er ohne jedes Verständnis an der anderen wichtigen und höchst bezeichnenden Erscheinung vorbeigeht, daß das System der gleitenden Lohnlisten[3] in England immer mehr in Mißkredit gerät.

Ebenso wird die Behandlung des tatsächlichen Stoffes dadurch beeinträchtigt, daß Nostitz sogar über so grundlegende Erscheinungen des von ihm bearbeiteten Gebietes wie Proletariat, wie Klassenkampf die abenteuerlichsten Vorstellungen an den Tag legt. Das Proletariat ist ihm nicht etwa die zur Daseinsbedingung der kapitalistischen Produktionsweise ge-

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[1] Im April 1900 wurde bekannt, daß im Kongo-Freistaat, dem persönlichen Eigentum des belgischen Königs Leopold II., unmenschliche Greueltaten verübt worden waren. Dem grausamen Terrorregime sind Hunderttausende Afrikaner, vor allem Frauen und Kinder, zum Opfer gefallen.

[2] Am 1. April 1898 begann der Streik von etwa 100 000 Kohlenarbeitern in Südwales für eine 20prozentige Lohnerhöhung. Er mußte jedoch am 1. September 1898 ergebnislos abgebrochen werden, da die finanziellen Mittel der Streikenden erschöpft waren.

[3] Grundlage dieses Systems war die zwischen Unternehmern und Arbeitern getroffene Vereinbarung, daß die Höhe des Lohnes von einem bestimmten Verhältnis zu den Veränderungen des Marktpreises der Produkte abhängig ist. Es ließ die Möglichkeiten für Manipulationen gegen die Arbeiter offen und wurde deshalb von diesen abgelehnt.