Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 584

https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-1/seite/584

Trotzdem oder vielmehr gerade deshalb dauert die lebhafte Erörterung der Kartellfrage in den Vereinigten Staaten fort, und neulich veröffentlichte der Professor an dem landwirtschaftlichen Kollegium im Staate Kansas, Ed. W. Bemis, in dem New-Yorker „Journal of Commerce and Commercial Bulletin“ (Handelsblatt und -bulletin) einen interessanten Artikel zu der Frage.

Vor allem wägt er nach typisch kleinbürgerlichem Verfahren, wie übrigens die meisten Forscher in Nordamerika, die Vorteile der Unternehmerorganisationen gegen ihre Nachteile ab. Unter den letzteren spielen natürlich die wirtschaftliche Allmacht der vereinigten Kapitalisten auf dem Markte gegenüber dem konsumierenden Publikum und ihre politische Allmacht im Staate, die sich durch ein weitläufiges System der politischen und publizistischen Korruption durchsetzt, die Hauptrolle. Dann schreitet Bemis zur Kritik aller bisher vorgeschlagenen Abhilfsmittel gegen die Kartellwirtschaft.

Die Hoffnung verschiedener, die Kartelle würden, wie so manche unter ihnen, nach einer Periode der Blüte nacheinander von selbst in die Brüche gehen, sei grundlos, denn an Stelle jedes auseinanderfallenden entstünden zehn neue Kartelle, die gar nicht Miene machten, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Die Vernichtung der Kartelle durch gesetzliches und gerichtliches Vorgehen habe sich als fruchtlos erwiesen. Die gesetzliche Kontrolle und Beschränkung der Kartellwirtschaft, wie sie z. B. der beste Kenner der Frage, der amerikanische Professor Jenks, vorgeschlagen habe, sei an sich vorzüglich, aber leider in der Praxis undurchführbar. Die vorgeschlagene Aufhebung des Schutzzollsystems würde bei weitem nicht alle Unternehmerverbände treffen. Die Reform des Eisenbahnwesens, das gegenwärtig die Hauptstütze der Trusts bildet, sei eine große und schwierige Aufgabe für den Staat.

Endlich erwähnt Bemis als letztes Mittel im Kampfe gegen die Kartelle – und dies ist das interessanteste – eine allgemeine Verstaatlichung der Produktionsmittel. „Es gibt“, sagt er, „eine große Anzahl intelligenter Leute, wenn es auch erst noch die Minderheit ist, die der Ansicht sind, daß in letzter Linie das einzige Mittel eines wirksamen Vorgehens gegen die Trusts darin bestehe, daß die gesamte Gesellschaft sich ihnen anschließe, und zwar durch den Staat; dieser würde die Petroleumraffinerien, die Zündhölzchenfabriken, die Anthrazitgruben, die Kohlengruben und anderes in Besitz nehmen und betreiben, die Erzeugnisse in Magazinen zum Verkauf bringen und so weiter.“

Es ist dies, wie man sieht, ein verzerrter und durch die kleinbürgerliche

Nächste Seite »