Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 560

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Das Zentrum ist aber weniger gefährlich als die Nationalliberalen, sagt Parvus, gerade weil veralteter (d. h. reaktionärer, wie wir schreiben). Er schrieb auch früher zu diesem Punkte, ein mittelalterlicher Nachtwächter mit einem Zopf sei nur eine komische Figur. Wir unsererseits glauben, gestützt auf die Versicherungen des bayerischen Handbuches für sozialdemokratische Wähler, daß die Unterscheidung zwischen der Reaktion des bayerischen Zentrums und der bayerischen Nationalliberalen ebenso schwierig sein dürfte wie zwischen dem Wohlgeruch des Mönches und des Rabbis von Toledo. Wenn uns Parvus aber die harmlose Figur des nur komischen bezopften Zentrumsnachtwächters vorführt, so müssen wir schon sagen, daß wir gerade bei dem Zentrum, besonders bei dem bayerischen, die modernsten Formen der reaktionären Agitation vorfinden. Denn, mit Verlaub, wer gründet Arbeitervereine, das Zentrum oder die Nationalliberalen? Wer sucht den alten morschen Kern der Reaktion sogar in die modernste – sozialistische Hülle zu stecken, wenn nicht das Zentrum? Also mit dem „mittelalterlichen Zopf“ des Zentrums und seiner geringeren Gefährlichkeit für uns hat es wieder nicht viel auf sich.

Freilich, Parvus behauptet, daß wir eben dem Zentrum jetzt seine Arbeiterwähler nehmen werden. Warum das? „Der Grund ist einfach: Wir allein sind Vertreter der Arbeiterinteressen.“ Nun, aus diesem Grunde werden wir die Zentrumswähler allerdings über kurz oder lang gewinnen. Wir sind so tief von der Macht der sozialistischen Ideen überzeugt, daß nach unserer Meinung sogar die taktischen Dummheiten und Kompromisseleien der bayerischen Genossen es nicht verhindern können, daß wir schließlich die Massen gewinnen. Es fragt sich nur, inwiefern die gegebene, jetzt angewendete Taktik dazu geeignet ist, unseren Charakter als den „der einzigen Arbeiterpartei“ zu rechtfertigen?

Die Arbeiterwähler des Zentrums sollen jetzt sicher zu uns herüberkommen, nachdem sie mit uns ein Wahlgeschäft glücklich gemacht haben! Dieselben katholischen Arbeiter, die die eigentlichen Urheber des Kuhhandels waren – mit dem ausdrücklichen Wunsch, wie Vollmar schrieb, die verhaßte Herrschaft der Nationalliberalen loszuwerden, also einfach aus kühler Berechnung, um uns für ihre Zwecke bloß als ein Instrument, als Packesel zu gebrauchen! –, diese Arbeiter sollen sich selbst jetzt „die Scheuklappen“ vor der Sozialdemokratie abgenommen haben und zu uns herüberkommen! Ja, in gewissem Sinne werden sie schon die Scheuklappen verloren haben: Früher konnten sie vielleicht denken, daß „die einzige Arbeiterpartei“ sich für ihre reaktionären Parteizwecke nicht gebrauchen läßt, jetzt sind sie diese Furcht oder vielmehr Ehrfurcht allerdings los.

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