Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 1.1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 518

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Korreferate sind nur dort zulässig, wo eine von der Masse der Partei verschiedentlich aufgefaßte Frage zur Entscheidung steht, wie dies in Breslau mit der Agrarfrage[1] oder in Hamburg mit der Frage der Landtagswahlen[2] der Fall war.

Hier handelt es sich bloß um die Stellungnahme der Partei als Ganzes zu den Auffassungen einer kleinen Minderheit aus ihren Reihen. Bebel vertritt als Referent nicht irgendeine „Richtung“ unserer Partei, sondern die Partei, ihr Programm, ihre Taktik und ihre Vergangenheit, und die Partei hat es deshalb nicht nötig, die opportunistische Opposition mit sich auf gleichem Fuße durch ein Korreferat verhandeln zu lassen.

Deshalb müssen und wollen wir durchaus nicht den Anhängern Bernsteins und Schippels die Verteidigungsrechte irgendwie kürzen. Im Gegenteil, der Parteitag kann ruhig einem Vertreter Bernsteins und dem Genossen Schippel eine oder anderthalb Stunden Redezeit gewähren, ohne sie indessen zu Korreferenten zu machen. Wir haben auch einen ausreichenden Präzedenzfall in dieser Frage. In Erfurt, wo die ersten opportunistischen Auslassungen Vollmars[3] und die Sache der Unabhängigen[4] erledigt werden sollten und wo derselbe Bebel als Referent fungierte, wurden ebenso Vollmar wie Wildberger anderthalb Stunden Redezeit gewährt, an ein „Korreferat“ Vollmars oder Wildbergers dachte jedoch damals niemand. Sollte der Vollmar von 1899 mehr Entgegenkommen in der Partei finden als der Vollmar von 1891, oder sollte der Opportunismus bei uns salonfähiger sein, als es die weiland Unabhängigen waren?

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[1] Auf dem sozialdemokratischen Parteitag 1895 in Breslau hatten sich in der Diskussion über das Agrarprogramm verschiedene Auffassungen gegenübergestanden. Die Revisionisten, vertreten vor allem durch Max Quarck und Eduard David, leugneten die Tendenz zum Großbetrieb und damit die Möglichkeit und Notwendigkeit sozialistischer Vergesellschaftung auf dem Lande. Dieser Auffassung trat besonders Karl Kautsky entgegen, der aber andererseits erklärte, daß als Bundesgenossen nur die proletarisierten Zwergbauern in Frage kommen würden, die unmittelbar für die sozialistische Revolution gewonnen werden müßten. August Bebel wiederum erklärte, daß der Bauer für demokratische Ziele gewonnen werden kann. Die Mehrheit des Parteitages lehnte die Auffassung der Revisionisten in der Agrarfrage ab.

[2] Auf dem sozialdemokratischen Parteitag vom 3. bis 9. Oktober 1897 in Hamburg hatten sich in der Debatte über die Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen im wesentlichen zwei Auffassungen gegenübergestanden: Befürwortung und Ablehnung der Beteiligung. Die Mehrheit des Parteitages entschied sich für die Beteiligung an den Landtagswahlen mit der Maßgabe, keine Kompromisse oder Wahlbündnisse mit anderen Parteien einzugehen.

[3] Georg von Vollmar hatte in zwei Reden, am 1. Juni und 6. Juli 1891, in München von der Sozialdemokratie die Aufgabe ihrer revolutionären Taktik und die Orientierung auf eine reformerische Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft gefordert. Unter dem Titel „Über die nächsten Aufgaben der deutschen Sozialdemokratie“ wurden diese Reden als Broschüre verbreitet. Der sozialdemokratische Parteitag vom 14. bis 20. Oktober 1891 in Erfurt wies die Auffassungen Vollmars entschieden zurück.

[4] Eine Gruppe in der deutschen Sozialdemokratie, bekannt geworden unter der Bezeichnung die „Jungen“, hatte sich gegen die allseitige Ausnutzung der legalen Möglichkeiten für die Tätigkeit der Partei gewandt und besonders die von der Partei ausgearbeitete revolutionäre Parlamentstaktik verneint. Die „Jungen“ hatten versucht, der Partei eine sektiererische Verschwörerpolitik aufzuzwingen. Auf dem Parteitag 1890 in Halle waren die „Jungen“ einmütig zurückgewiesen und auf dem Parteitag 1891 in Erfurt ihre Wortführer aus der Partei ausgeschlossen worden. Sie gründeten eine eigene Organisation, den Verein Unabhängiger Sozialisten.