Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 488

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des gesellschaftlichen Seins aufstellte“[1], d. h., daß er nicht soziale Rezepte zur Herstellung einer idealen Gesellschaft, sondern eine Untersuchung der bestehenden Gesellschaft schrieb, daß er nicht Utopist, sondern wissenschaftlicher Forscher war; darin bestand sein „großer Fehler“.

Käme heute, am Ausgang des Jahrhunderts, auf irgendeinem anderen Gebiete der Wissenschaft ein Simkhowitsch mit einer ähnlichen Behauptung, mit der Behauptung z. B., Darwins großer Fehler sei gewesen, daß er eine Erklärung der tatsächlichen Entwicklung der Tierwelt statt einer Anweisung für eine leinsollende Entwicklung geliefert habe, so würde ihm die Redaktion einer wissenschaftlichen Revue den Artikel postwendend zurückschicken. Allein auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Wissenschaft und insbesondere, wenn es gegen den Marxismus geht, dürfen solche Primanersentenzen in, einer Professorenzeitschrift ruhig aufgetischt werden, und dies ist, weit entfernt, ein Zufall zu sein, vielmehr für die heutige offizielle Sozialwissenschaft in den bürgerlichen Revuen und auf den Universitäten bezeichnend.

„Während der wissenschaftlich geschulte Kopf an den Sieg des formellen Gerechtigkeitsprinzips glaubt und der technischen Ausgestaltung der gesellschaftlichen Organisationen gleichgültig gegenübersteht, ist der ungebildete Verstand in seinem Glauben an eine materiell bestimmte Organisation, an ein konkretes utopisches Gesellschaftsbild, nicht an das abstrakte Suum cuique (Jedem das Seine) gefesselt.“[2] Dies die andere Sentenz des Simkhowitsch, der, wie man sieht, alle wissenschaftlich geschulten Vorzüge der diplomierten Ignoranz, also auch. den Dünkel auf seiner Seite hat. Nur der ungebildete Haufe kann sich in den Einfall verbeißen, daß zur Verwirklichung des Gerechtigkeitsprinzips irgendeine konkrete Organisation der Gesellschaft gehört; der durch Stammlersche Weisheit[3] wissenschaftlich geschulte Kopf ist bloß an das „formelle Prinzip“, d. h. an seine Existenz in dem Bewegungselement der Spatzen und der deutschen Professoren – in der blauen Luft – „gefesselt“. Daß im übrigen in der Simkhowitschschen Grabrede von der Sozialdemokratie, wie die Blätter vom Baume im Herbste, nacheinander alle ihre Prinzipien – die „Revolution“, die Verelendungstheorie, das Wertgesetz, die materialistische Geschichtsauffassung – abfallen, daß dann Vollmar, Kampffmeyer, Konrad Schmidt und als Krone des Ganzen Bernstein im schönsten Glanze auf-

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[1] Conrads Jahrbücher, III. Folge, XVII. Bd., Heft 6, 1899, S. 736. [Fußnote im Original]

[2] Ebenda, S. 780. [Fußnote im Original]

[3] Rudolf Stammler, ein Rechtsphilosoph, bekämpfte von der Position des Neukantianismus aus den Marxismus.