Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 383

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direkte höchst revolutionäre Wirkung der Kartelle auf die Konzentration der Produktion, technische Vervollkommnung etc.

So erscheinen die Kartelle[1] in ihrer endgültigen Wirkung auf die kapitalistische Wirtschaft nicht nur als kein „Anpassungsmittel“, das ihre Widersprüche verwischt, sondern geradezu als eines der Mittel, die sie selbst zur Vergrößerung der eigenen Anarchie, zur Austragung der in ihr enthaltenen Widersprüche, zur Beschleunigung des eigenen Unterganges geschaffen hat.

Allein wenn das Kreditwesen, die Kartelle und dergleichen die Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft nicht beseitigen, wie kommt es, daß wir seit zwei Jahrzehnten keine allgemeinen Handelskrisen haben[2]? Ist das nicht ein Zeichen, daß sich die kapitalistische Produktionsweise wenigstens in der Hauptsache an die Bedürfnisse der Gesellschaft tatsächlich „angepaßt“ und die von Marx gegebene Analyse überholt hat?[3] [Wir glauben, daß die jetzige Windstille auf dem Weltmarkt sich auf eine andere Weise erklären läßt.

Man hat sich gewöhnt, die bisherigen großen periodischen Handelskrisen als die von Marx in seiner Analyse schematisierten Alterskrisen des Kapitalismus zu betrachten. Die ungefähr zehnjährige Periodizität des Produktionszyklus schien die beste Bestätigung dieses Schemas zu sein. Diese Auffassung beruht jedoch unseres Erachtens auf einem Mißverständnis. Faßt man näher ins Auge die jedesmaligen Ursachen aller bisherigen großen internationalen Krisen, so muß man zu der Überzeugung gelangen, daß sie sämtlich nicht der Ausdruck der Altersschwäche der kapitalistischen Wirtschaft, sondern vielmehr ihres Kindheitsalters waren. Schon eine kurze Besinnung genügt, um von vornherein darzutun, daß der Kapitalismus in den Jahren 1825, 1836, 1847 unmöglich jenen periodischen, aus voller Reife entspringenden unvermeidlichen Anprall der Produktivkräfte

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[1] 2. Auflage: eingefügt „und Trusts“.

[2] 2. Auflage: wir zwei Jahrzehnte lang – seit 1873 – keine allgemeine Handelskrise hatten.

[3] 2. Auflage: eingefügt „Die Antwort folgte der Frage auf dem Fuße. Kaum hatte Bernstein 1898 die Marxsche Krisentheorie zum alten Eisen geworfen, als im Jahre 1900 eine allgemeine heftige Krise ausbrach und sieben Jahre später, 1907, eine erneute Krise von den Vereinigten Staaten aus über den Weltmarkt gezogen kam. So war durch lautsprechende Tatsachen selbst die Theorie von der „Anpassung“ des Kapitalismus zu Boden geschlagen. Zugleich war es damit erwiesen, daß diejenigen, die die Marxsche Krisentheorie, nur weil sie in zwei angeblichen „Verfallsterminen“ versagt hatte, preisgaben, den Kern dieser Theorie mit einer unwesentlichen äußeren Einzelheit ihrer Form – mit dem zehnjährigen Zyklus, verwechselten. Die Formulierung des Kreislaufs der modernen kapitalistischen Industrie als einer zehnjährigen Periode war aber bei Marx und Engels in den 60er und 70er Jahren eine einfache Konstatierung der Tatsachen, die ihrerseits nicht auf irgendwelchen Naturgesetzen, sondern auf einer Reihe bestimmter geschichtlicher Umstände beruhten, die mit der sprungweisen Ausdehnung der Wirkungssphäre des jungen Kapitalismus in Verbindung standen.“