Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 194

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Umstände zwischen der russischen Regierung und der polnischen industriellen Bourgeoisie ein ganz eigenartiges Verhältnis herausgebildet. Es ist leicht einzusehen, daß das Interesse des Absolutismus in bezug auf Polen vor allem auf Beibehaltung und Befestigung der Annexion ausging. Das Hauptaugenmerk Rußlands seit dem Wiener Kongreß richtete sich daher beharrlich auf die Unterdrückung aller Spuren der nationalen Opposition in Polen und speziell derjenigen gesellschaftlichen Klasse, welche als Trägerin der Opposition auftrat, des Adels. Bei dieser Bestrebung erblickte nun der russische Absolutismus einen erwünschten Verbündeten in der polnischen industriellen Bourgeoisie. Polen durch materielle Interessen an Rußland zu binden und in einer bereits unter den Fittichen des russischen Adlers entstandenen Kapitalistenklasse, welche durch keine Tradition der Vergangenheit national, wohl aber durch Interessen ihrer Zukunft servil gesinnt wäre, das Gegengewicht gegen die nationale Gärung des Adels zu schaffen – das war der Zweck der russischen Politik, den sie mit gewohnter eiserner Konsequenz verfolgte. Man muß ihr zugeben, daß sie sich in der Wahl der Mittel nicht geirrt und die Natur der polnischen Bourgeoisie richtig herausgefühlt hatte. Kaum war die Manufaktur in Polen aufgekeimt und kaum hatte sie von dem Honig der russischen Absatzmärkte gekostet, als sich schon das polnische Unternehmertum zu der historischen Mission reif fühlte, als Stütze der russischen Annexion in Polen zu dienen. Schon im Jahre 1826 wurde der polnische Finanzminister Drucki-Lubecki nach St. Petersburg abgeordnet mit der untertänigsten Bitte, die Zollgrenze zwischen Polen und Rußland ganz abzuschaffen, „da ja beide Länder ein einziges Ganzes bilden und Polen zu Rußland gehöre“[1][1]. In dieser Erklärung war bereits bündig das ganze politische Programm der polnischen Bourgeoisie ausgesprochen: die völlige Verzichtleistung auf die nationale Freiheit für das Linsengericht der russischen Absatzmärkte. Seitdem hörte die russische Regierung nie auf, die polnische Bourgeoisie zu unterstützen. Wir haben die lange Reihe von Gesetzen angeführt, welche seit den zwanziger Jahren zur Begünstigung der industriellen Kolonisation und der Entwickelung der Manufaktur in

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[1] K. Lodyshenski, l. c., S. 220. [Fußnote im Original]