Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd. 1.1, 8. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 103

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geoisie: Meine Verehrten! Wenn ihr glaubt, daß mir das ganze Geschäft deswegen nötig war, um mich in eurer angenehmen Gesellschaft in einem Sumpfe der politischen Abstinenz zur Ruhe zu legen, so seid ihr gewaltig im Irrtum. Dies war gut, solange euch noch alte nationale Dummheiten in den Köpfen spukten, heute seid ihr davon kuriert. Wer A sagt, muß auch B sagen. Habt ihr an der ökonomischen Seite der kapitalistischen Entwicklung Gefallen gefunden, so zieht jetzt gefälligst auch die politischen Konsequenzen.

Welche waren die politischen Konsequenzen? Was sollte nun die polnische Gesellschaft? Die Antwort darauf war der Zarenempfang in Warschau.

Es konnte für einen aufmerksamen Leser der polnischen Presse in den letzten Jahren kein Geheimnis bleiben, daß die polnische Bourgeoisie sich zu einer neuen Aktion vorbereitete. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat die Großindustrie in Polen wieder kolossale Fortschritte zu verzeichnen. Seit 1885 hat der polnische industrielle Absatz Schritt für Schritt die Runde durch das ganze Reich gemacht und ist von Litauen nach Zentralrußland, dem Kaukasus, Wolgadistrikt, Sibirien, Mittelasien vorgedrungen. Der Schwerpunkt der bürgerlichen Interessen verschob sich dadurch immer mehr nach dem Osten, tief nach Rußland hinein. Die Transsibirische Eisenbahn hat in der polnischen Bourgeoisie enorme Appetite und Hoffnungen wachgerufen; man zittert schon in der polnischen Presse, die „Deutschen“ könnten einen Teil der erwarteten Profite wegschnappen, und trägt sich mit Träumen herum, auf der neuen Linie des Welthandels zwischen zwei Ozeanen Warschau zum Mittelpunkt zu machen. In Mittelasien, Persien schreitet der polnische Absatz an der Spitze des russischen Handels. Andererseits ist die polnische Industrie infolge der russischen Zollpolitik in einer Reihe ihrer Zweige vom Gebrauch ausländischer zu russischen Rohstoffen übergegangen. Mit einem Worte, die ökonomische Verwachsung Polens mit Rußland, welche in den siebziger Jahren eine ausschlaggebende Tendenz war, ist in den neunziger zur ausschlaggebenden Tatsache geworden. Daher das enorme Interesse der polnischen Bourgeoisie für jede Verordnung, jede Beratung, jedes Projekt, welche die Ökonomik des Reiches betreffen.

Schon längst spielte sie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung aller Fragen der wirtschaftlichen Politik, welche Polen unmittelbar angehen, und ihre Vertreter wurden zu allen diesbezüglichen Komitees, Kommissionen, Departements etc. berufen. Dies genügt aber unter den heutigen Verhältnissen nicht mehr. Die kapitalistischen Interessen Polens bilden heute

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