Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.1, 8., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2007, S. 284

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Andererseits wächst auch direkt der Absatz deutscher Waren im asiatischen Osten. Hier nimmt der Hafen Hankou eine der ersten Stellen ein und wird bald durch die Eisenbahnverbindung mit Peking und Kanton zum wichtigsten Handelszentrum Chinas. Bei Hankou geht die Schiffahrt stromauf; dann wird sie durch Stromschnellen gehindert. Während nun bis vor kurzem der ganze Handel in Hankou von den Engländern monopolisiert war, wird er jetzt, wie der nordamerikanische Konsul berichtet, von den Deutschen geradezu beherrscht. Der Handel Hankous mit Deutschland erreichte schon im Jahre 1896 zirka 45 Millionen Mark.

Einen gleichen Erfolg der deutschen Industrie verzeichnet der englische Konsul in Rio de Janeiro (Hauptstadt Brasiliens). Auch hier waren die Engländer bis vor kurzem Herren der Situation. „Jetzt“, schreibt der erwähnte Konsul, „wetteifern die Deutschen in jedem Industriezweig so energisch mit den Engländern, daß es fast unmöglich ist, irgendeinen zu nennen, in dem die letzteren auf Erfolg im Kampfe mit den Rivalen hoffen könnten.“

Auch in Chile hat sich der deutsche Absatz, wie der letzte englische „Economist“ berichtet, seit 1887 fast verdoppelt und dürfte dem englischen, der im gleichen Zeitraum nur um ein Drittel zugenommen hat, bald über den Kopf gewachsen sein.

Man vergleiche nun mit den obigen Angaben über den Handel Deutschlands in Asien und Amerika die miserablen Ergebnisse des Handels mit Deutsch-Afrika, und die Frage stellt sich von selbst ein: Wozu braucht denn Deutschland eigentlich die Kolonialpolitik? Gerade die Länder, deren Erwerbung und Erhaltung dem Volke eine Unmasse Geld kostete, sind für den deutschen Handel und die Industrie, um derentwillen sie angeblich erworben wurden, von einer Bedeutung, die gleich Null ist. Andererseits aber faßt die deutsche Industrie in freier Konkurrenz in den entlegensten Ländern Fuß. Auch in China hat sie längst vor dem Einschlagen der gepanzerten Faust und ganz unabhängig von dem Erwerb Kiautschous[1] ihr Banner aufgepflanzt.

Wenn daher „Der Deutsche Oekonomist“, indem er die der neueröffneten Reichstagssession bevorstehenden wirtschaftlichen Aufgaben bespricht, auf den angeblich ganz vernachlässigten, erst in den Windeln liegenden deutschen Export hinweist und damit die Notwendigkeit einer gewaltigen

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[1] Am 14. November 1897 hatte Deutschland das Gebiet von Kiautschou annektiert. In einem Abkommen vom 6. März 1898 war die chinesische Regierung gezwungen worden, die Bucht von Kiautschou auf 99 Jahre an das Deutsche Reich als Flottenstützpunkt zu verpachten und ihm das Hinterland Schantung als Einflußsphäre zuzugestehen.