Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 7.2, S. 997

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Darüber werden gelegentlich einige Krokodilstränen vergossen, jedoch wenn es zum Klappen kommt, wird diese Ohnmacht von ihnen noch verstärkt. Man braucht nicht an dem ehrlichen Willen des Friedensangebots zu zweifeln, das die Mittelmächte der Entente gemacht haben, aber wenn die Regierung dem Reichstag ihre Absicht vortrug, dann war der Reichstag bei alledem nicht so ohnmächtig, zu prüfen, ob die Wege zu diesem Ziele richtig gewählt seien. Wer aber diese Prüfung hinderte, war die sozialdemokratische Fraktion des Reichstags.[1]

Man braucht sich nun auch wirklich nicht für die Antwortnote der Entente[2] zu begeistern, man kann sie sogar aufs schärfste verurteilen, aber dadurch wird keine Partei, die noch eine Spur von Gewissen und Verstand besitzt, der Pflicht enthoben, sie sachlich zu prüfen. Selbst konservative Politiker sind sich dieser Pflicht bewußt gewesen. Im Februarheft der „Preußischen Jahrbücher“ untersucht Professor Hans Delbrück eingehend die Note der Entente und kommt zu dem Ergebnis, daß sie nichts als ein großer Bluff sei, der Deutschland nicht in seiner Friedens- und Verständigungspolitik beirren dürfe.[3] Damit vergleiche man das Wutgeheul, das die sozialdemokratische Presse, der „Vorwärts“ voran[4], sofort über die Antwort der Entente erhob: Nun sei es klar, daß Deutschland nur einen Verteidigungskrieg führe; nun sei die sozialdemokratische Opposition gegen die Bewilligung der Kriegskredite auf den Kopf geschlagen; nun habe die Arbeiterklasse kein höheres Interesse, als den Krieg bis aufs Messer zu führen.

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[1] In einer Note vom 12. Dezember 1916 hatte die deutsche Regierung im Namen ihrer Verbündeten den Ententestaaten Friedensverhandlungen vorgeschlagen. Siehe Verhandlungen des Reichstags. XIII. Legislaturperiode. II. Session, Stenographische Berichte, Band 308, Berlin 1916, S. 2332. – In der Sitzung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion unmittelbar vor der Tagung des Reichstags am 12. Dezember erklärte Philipp Scheidemann, daß die Mehrheit der Fraktion keine Debatte zu dem Friedensangebote wünsche. Gemeinsam mit den Konservativen lehnten die sozialdemokratischen Abgeordneten eine Debatte im Plenum ab. Siehe die Reichstagsfraktion der deutschen Sozialdemokratie 1898 bis 1918. Zweiter Teil bearb. von Erich Matthias und Eberhard Pikart, Düsseldorf 1966, S. 242.

[2] In ihrer Antwortnote vom 30. Dezember 1916 lehnte die Entente das deutsche Angebot zu Friedensverhandlungen ab. Siehe Deutscher Geschichtskalender. Begründet von Karl Wippermann. Hrsg. Dr. Friedrich Purlitz, 33. Jg., II. Bd., 2. Hälfte, Oktober–Dezember 1916, Leipzig o. D., S. 1128 ff.

[3] Siehe Hans Delbrück: Der diplomatische Winterfeldzug. – Die Wilson’sche Friedens-Rede. In: Preußische Jahrbücher. Hrsg. von Hans Delbrück. 167. Band, Januar bis März 1917, Berlin 1917, S. 346 ff.

[4] Der Vorwärts (Berlin) betonte am 5. Januar 1917: „Was auch immer die Gegner über die Schuld am Kriege sagen mögen, so läßt sich doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen: an dem Kriege, der seit dem 12. Dezember 1916 tobt, tragen sie die Schuld. Die Mittelmächte haben Frieden geboten, der Zehnverband lehnt ihn ab. So ist seit dem 12. Dezember jeder Zweifel daran geschwunden, daß Deutschland einen Verteidigungskrieg führt, und die Pflichten jedes deutschen Sozialdemokraten gegenüber seinem Lande sind noch viel klarer als je zuvor. Der Parteistreit, ob wir einen Verteidigungskrieg führen oder nicht, ist damit, mag er auch nach dem Gesetz der Trägheit weiter fortdauern, durch die Weltgeschichte selbst erledigt.“ Im Vorwärts (Berlin) vom 11. Januar 1917 hieß es: „Die Gegner haben die Tür geschlossen, die deutsche Note kann sie nicht öffnen, aber sie vermeidet, sie zu sperren.“