Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 7.2, S. 1052

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Die internationale Konferenz

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In unserer vorigen Nummer haben wir uns bereits über den Plan einer internationalen sozialistischen Konferenz geäußert, die in der Mitte Mai zu Stockholm stattfinden soll.[2] Ob sie wirklich stattfinden wird, läßt sich zur Zeit noch nicht übersehen, sondern

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[1] Der Artikel ist mit ♂, einem von Rosa Luxemburgs Zeichen versehen, das sie auch für ihre Beiträge in der SAZ 1898 häufig verwendet hat. Siehe GW, Bd. 6, S. 129 ff., siehe auch S. 995, Fußnote 1 und S. 999, Fußnote 1.

[2] In der Rubrik Aus der Partei war in Nr. 47 von Der Kampf (Duisburg) am 28. April 1917 Zur Frage einer internationalen Konferenz folgender unsignierter Beitrag erschienen: „Die ganze Presse einschließlich der bürgerlichen Blätter beschäftigt sich lebhaft mit dem Plan einer internationalen Sozialisten-Konferenz. Während des Krieges haben bereits zwei solcher Konferenzen, in Zimmerwald und in Kiental stattgefunden. Diese Konferenzen waren von den Parteien und Gruppen besucht, die auf dem Standpunkt des Internationalismus und der Opposition zu der Regierung ihres Landes stehen. Deshalb wurden die Teilnehmer in allen Ländern von den Sozialpatrioten verurteilt. Eine eigene Konferenz konnten die Regierungssozialisten natürlich nicht zustande bringen. Denn was hätten ein Scheidemann, Renaudel, Plechanow, Henderson untereinander im Kriege zu besprechen und zu verabreden, so lange sie die bedingungslose Unterstützung der eigenen Regierung und die rücksichtslose Bekämpfung des gegnerischen Volkes als oberstes Gebot darstellen!

Scheinbar im Gegensatz zu dieser Feststellung haben sich in letzter Zeit die Aussichten gemehrt, daß eine vom alten Internationalen Sozialistischen Büro einberufene Konferenz zustande kommt. Es gilt bereits fast als feste Tatsache, daß am 15. Mai eine internationale sozialistische Konferenz in Stockholm zusammentritt. Wenn es wirklich zu einer ähnlichen Veranstaltung kommen sollte, so ist mit der Teilnahme von Vertretern der Mehrheitsparteien natürlich noch keineswegs gesagt, daß es sich um eine Konferenz von Sozialdemokraten handeln würde. Im Gegenteil! Bei der ganzen Haltung der Mehrheitsparteien kann es sich dann nur darum handeln, daß ihre Vertreter im Auftrage und mit Zustimmung der Regierungen ihres Landes verhandeln. Daß dem so ist, hat ein Vertreter der Mehrheitsanschauungen selbst zugegeben. Der holländische Sozialist Troelstra hat im ‚Het Volk‘ (laut ‚Frankfurter Zeitung‘) wörtlich ausgeführt:

‚Eine sozialistische Konferenz aber führe zu keinem Resultat, wenn allein die Parteien vertreten seien, die im Grunde genommen ihre Regierung vertreten.‘

In der Tat: Die Mehrheitsparteien vertreten nur ihre Regierungen und eine Konferenz von Mehrheitsvertretern ist daher von vornherein einer Konferenz von Regierungsvertretern gleichzumachen. Daß eine solche Konferenz sich keines Vertrauens bei den Massen erfreuen wird, sehen selbst die Mehrheitsleute ein, und um ihren Besprechungen den Schein einer sozialistischen Konferenz zu verleihen, suchen sie die Minderheiten zu ködern. So führte Troelstra aus:

‚Auch die Minderheiten der Parteien der verschiedenen Länder müßten sich an der Konferenz beteiligen, denn die Mehrheit der einen Partei könnte sich möglicherweise mit der Minderheit eines anderen Landes in Übereinstimmung befinden. Eine sozialistische Konferenz aber führe zu keinem Resultat, wenn allein die Parteien vertreten seien, die im Grunde genommen ihre Regierung vertreten. Die Minderheiten der verschiedenen Länder müßten die Brücke zwischen den Parteien der kriegführenden Länder bilden, denn abgesehen von Italien (wo die ganze Partei auf dem Standpunkt des Internationalismus steht. Die Red. d. ‚Kampf‘) stellten diese Minderheiten das internationalste Element dar.‘

Die Minderheiten, die man bisher bekämpft, als Anarchisten beschimpft und nach Möglichkeit vergewaltigt hat, sind aber jetzt gut genug dazu, um als Kitt für die Mehrheiten, als Feigenblatt für die verschämten Regierungsvertreter zu dienen. Die Minderheiten werden sich für diese Rolle bedanken. Wir erwarten unbedingt von der neuen ‚Unabhängigen Partei‘, daß sie sich von einer Konferenz der Scheidemänner im In- und Auslande fernhält. Eine internationale Verständigung, die wirklich dem Völkerfrieden und nicht den dunklen Plänen der Regierungen dient, ist nur zwischen konsequenten Anhängern des Internationalismus möglich.“