Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 7.2, S. 921

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1915

Kalender für das Jahr 1915 im Berliner Frauengefängnis in der Barnimstraße

[1]
1915
18. Februar (Donnerstag)[a]
5. März Von Fräulein Jacob diesen Kalender und wundervolle Blumen erhalten (Anemonen, Vergißmeinnicht, Kätzchen und Kirschenzweige).[b]

[a] In der Mitte des Blattes vom 18. Februar, des Einlieferungstages zur einjährigen Gefängnishaft (siehe S. 810 ff. im vorliegenden Band), befindet sich ein rotes +. Die Aufforderung zum Strafantritt erhielt sie am 15. Februar 1915, obwohl ihr wegen ihres Magen- und Leberleidens auf Antrag von Dr. Paul Levi Strafaufschub bis 31. März 1915 gewährt worden war. Von Anfang Januar bis 24. Januar 1915 hatte sie deshalb im Auguste-Victoria-Krankenhaus in Schöneberg bei Berlin gelegen. Gegen die „Quertreiber“ überschrieb Karl Liebknecht seinen Protest für eine Pressenotiz. „Donnerstag Mittag ist die Genossin Rosa Luxemburg in ihrer Wohnung durch zwei Kriminalbeamte plötzlich verhaftet worden. Sie wurde zunächst im Automobil nach dem Berliner Polizeipräsidium Abteilung VII (politische Polizei) und von dort im grünen Wagen nach dem Weibergefängnis in der Barnimstraße transportiert. Es handelt sich um die Verbüßung der einjährigen Gefängnisstrafe, die der Genossin Luxemburg im vergangenen Jahre in Frankfurt a. M. zudiktiert wurde; auf höheren Befehl ist jetzt die bis zum 31. März erteilt gewesene Strafaufschubbewilligung aufgehoben und die sofortige Strafvollstreckung telegraphisch angeordnet [worden]. Einer Notiz der Deutschen Tageszeitung, die über den Vorgang erstaunlich rasch und sicherlich gut informiert ist und durch hämische Glossierung unsere tapfere Genossin ehrt, entnehmen wir, daß dieses behördliche Eingreifen durch die bei gewissen Stellen sehr mißliebige politische Tätigkeit der Genossin Luxemburg unmittelbar veranlaßt ist. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß unsaubere Spitzelhände am Werk waren.“ Eine Abdruck der Notiz konnte in der sozialdemokratischen Presse nicht nachgewiesen werden. Siehe SAPMO-BArch, NY 4002/63, Bl. 133; Mathilde Jacob: Von Rosa Luxemburg und ihren Freunden in Krieg und Revolution 1914–1918. Hrsg. und eingeleitet von Sibylle Quack und Rüdiger Zimmermann. In: IWK, 24. Jg., Dezember 1988, Heft 4, S. 447. Der Abbruch des Strafaufschubs wurde mit Fluchtverdacht und der Teilnahme an einer Versammlung in Charlottenburg am 10. Februar 1915 und an einer Kreisversammlung in Niederbarnim am 14. Februar 1915 begründet, wo sie nach Mitteilungen des Oberkommandos in den Marken aufreizend gesprochen habe. Rechtsanwalt Siegfried Weinberg wies den Fluchtverdacht empört zurück: „Es kommt hinzu, daß meine Mandantin durch ihr jahrzehntelanges Wirken sich bei den sozialdemokratischen Volksmassen in Deutschland einen derartigen Platz errungen hat, daß sie mit allen Fasern ihres Herzens an Deutschland gefesselt ist und dieses Band sicherlich nicht durch eine Flucht, die ihr die Rückkehr nach Deutschland unmöglich machen würde, zerstören würde.“ Siehe SAPMO-BArch, NY 4002/76, Bl. 218.

[b] Acht der 365 Blätter des Kalenders ließ Mathilde Jacob im Volksboten (Zeitz), Nr. 12 vom 15. Januar 1927, abbilden und schrieb dazu: „Zur ersten mir gewährten Sprechstunde brachte ich Rosa Luxemburg einen kleinen Umschaltkalender [sic!] in das Berliner Frauengefängnis nach der Barnimstraße. Ich bat sie, von Zeit zu Zeit, je nach Stimmung, einige Notizen auf die Blättchen zu schreiben, damit ich nach ihrer Rückkehr in die Freiheit aus den Aufzeichnungen ersehen konnte, wie sie die Tage dieses mir endlos scheinenden Jahres verbracht hätte.“


[1] Überschrift der Redaktion.

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