Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.2, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 686

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sehen des Reichs durch die eventuelle Auslieferung der von ihnen erworbenen Gebiete an England Schaden hätte erleiden können.

Daß aber diese Unternehmungen selbst vereinzelt dastanden, von keinem Drängen der Bourgeoisie unterstützt waren – worin die ökonomische Ursache der langsamen Entwicklung des deutschen Imperialismus begründet liegt –, hatte seine Gründe in der damaligen Lage der deutschen Großindustrie. Trotz des wirtschaftlichen Krachs von 1873[1] hatte sie noch weite Gebiete in Deutschland zu erobern auf Kosten des Handwerks und der kleinen Industrie. Die handelspolitische Schwenkung zum Schutzzoll eröffnete den führenden Industrien glänzende Aussichten auf wachsende Profite, der Ausbau der großen Städte und der Eisenbahnen gab alle Hände voll Arbeit. Darum fand auch die in den siebziger Jahren einsetzende kolonialpolitische Propaganda einzelner Ideologen wenig Anklang. So konnte selbst nach Bismarck noch ein so kühler Beobachter der Kolonialpolitik wie Caprivi ans Ruder kommen, obwohl das Reich schon durch den Gang der Ereignisse genötigt war, die anfangs privaten Kolonialgründungen zu Schutzgebieten zu machen. Als es im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts aber der Bourgeoisie klar wurde, daß die Kolonialpolitik keine französische Spielerei war, sondern ein Zeichen der Zeit, als dann die Regierung nervös nach jedem Brocken griff, der irgendwo zu haben war, war es schon zu spät: was man bekam, war wenig, und was man in Aussicht nahm, war unsicher oder ganz phantastisch. Südamerika als deutsche Kolonie war angesichts des wachsenden Interesses für ihre Entwicklung bei den Vereinigten Staaten von Amerika ein reines Phantasieprodukt. Mesopotamien war schon ein reellerer Bissen für den Fall der Aufteilung der Türkei, lag aber noch in unberechenbarer Ferne und war obendrein angesichts der Beherrschung des Mittelländischen Meeres durch England sehr schwierig zu erreichen. Die portugiesische Kolonie Angola in Südwestafrika, wegen der zur Zeit des Burenkriegs[2] Deutschland mit England verhandelte, war auch ein Wechsel auf die weite Zukunft. Am reellsten schienen noch die Aussichten auf ein Stück China,[3] und darum griff man auch mit gieriger Hand nach einer Flottenstation.

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[1] Der sogenannte Gründerkrach von 1873 leitete in Deutschland die bis dahin schwerste zyklische Überproduktionskrise des 19. Jahrhunderts ein, die die Folge einer disproportionalen Entwicklung zugunsten der Schwer- und Rüstungsindustrie im stürmischen wirtschaftlichen Aufschwung nach der Reichsgründung von 1871 war.

[2] Der englische Kolonialkrieg zur Unterwerfung der Burenrepubliken Transvaal und Oranje-Freistaat dauerte von Oktober 1899 bis Mai 1902 und wurde am 31. Mai 1902 durch den Frieden von Pretoria beendet. Die Buren wurden Untertanen der englischen Krone. Entsprechend geheimer Abmachungen übte die deutsche Regierung Neutralität.

[3] Am 14. November 1897 hatte Deutschland das Gebiet von Kiautschou annektiert. In einem Abkommen vom 6. März 1898 war die chinesische Regierung gezwungen worden, die Bucht von Kiautschou auf 99 Jahre an das Deutsche Reich als Flottenstützpunkt zu verpachten und ihm das Hinterland Shandong als Einflußsphäre zuzugestehen. Bereits am 28. März 1898 war vom Deutschen Reichstag die erste Flottenvorlage angenommen worden. Bis 1904 sollte die deutsche Kriegsflotte mit einem Kostenaufwand von etwa 482 Mill. M erheblich vergrößert werden.