Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.2, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 593

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von denen wir wohl keine treuen Bundesgenossen im Kampfe erwarten können. Geben wir uns keiner Täuschung hin, es sind nicht nur Mächte vorhanden, in Preußen das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht vorzuenthalten, sondern auch solche im Fluß, die das verhaßte Reichstagswahlrecht beseitigen wollen. Rednerin verweist auf Ausführungen Mirbachs im preußischen Abgeordnetenhause[1] und v. Oldenburg[s] im Reichstage.[2] Die Sozialdemokratie tut gut, sich zu sagen, daß sie in diesen Kämpfen allein auf sich selbst angewiesen sein wird. Sollen wir uns vielleicht darüber beklagen, daß Freisinn und Nationalliberale uns so schnöde im Stich gelassen haben? Müssen wir uns vielleicht schwach und hoffnungslos fühlen, weil wir allein gegen eine Welt von Feinden zu kämpfen haben? Dazu liegt kein Grund vor. Unsere Macht ist nicht bloß unsere Zahl, sondern auch unsere Bedeutung für das Bestehen der heutigen Gesellschaft. Jene Herren, die sich so sehr sicher im Sattel fühlen in dem Glauben, durch einfaches Fuchteln mit dem Polizeisäbel das Proletariat von dem Kampf abbringen zu können, vergessen, daß wir auch ein Schwert in der Scheide haben, das wir früher oder später ziehen werden. Sie haben vergessen, daß den Arbeitern sehr wohl einfallen kann, nichts anderes zu tun, als ruhig die Arme zu kreuzen und die Arbeit niederzulegen. Wenn es einmal in Preußen-Deutschland dazu kommt, daß die Arbeiter von diesem einfachen Mittel, von ihrer wirtschaftlichen Macht, Gebrauch machen, ich glaube, es wird sich sehr bald herausstellen, daß Staat und Gesellschaft sehr wohl auskommen können ohne Junker, ohne Zentrumsleute, ohne nationalliberale Scharfmacher und Fabrikherren, vielleicht auch noch ohne Waffen, Beamte und Schutzleute (Gr[oße] Heiterkeit.), aber daß sie nicht 24 Stunden ertragen können, wenn die Bergarbeiter streiken, wenn die Hafenarbeiter die Arbeit einstellen oder die Hüttenarbeiter die Arme verschränken.

Sie sehen, daß man es auf ein Blutbad abgesehen hatte. Das ist das Ende des Lateins der Reaktion, die sich uns entgegenstellt. Das Blutvergießen ist das letzte Register, das sie gegen uns aufziehen können. Wer stellt täglich und stündlich sein Leben mehr aufs Spiel als der Proletarier? Was bedeutet die Zahl der Opfer, die in der Schlacht bei Sedan gefallen sind,[3] wenn man sie vergleicht mit der Zahl der Unfälle, die Deutschland im vorigen Jahre aufzuweisen hatte? Nach den statistischen Feststellungen waren es im Jahre 1909 in Deutschland 635000 Unfälle (Hört, hört!), die die Ar-

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[1] Gemeint ist die Debatte im preußischen Herrenhaus am 11. und 13. Mai 1904 zu einer Denkschrift der Konservativen Graf Mirbach und Freiherr Otto Karl Gottlieb von Manteuffel, in der die Änderung des Reichstagswahlrechts und Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemokratie gefordert wurden. Die Ansinnen wurden vom Reichskanzler Bernhard von Bülow abgelehnt.

[2] Der Konservative Elard von Oldenburg-Januschau hatte am 29. Januar 1910 in der Reichstagsdebatte über den Militäretat gesagt: „Der König von Preußen und der Deutsche Kaiser muß jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag!“ Stenographische Berichte des Reichstages, XII. Legislaturperiode, 2. Session, Bd. 259, Berlin 1910, S. 898. Gegen diese Provokation kam es in zahlreichen Städten Deutschlands zu Protestversammlungen.

[3] Die Schlacht bei Sedan dauerte vom 1. bis 2. September 1870. Die Zahl der Opfer betrug insgesamt über 6000 Tote und fast 20000 Verwundete. Die französischen Truppen wurden von der preußisch-deutschen Armee entscheidend geschlagen. Napoleon III. und rd. 83000 Mann seiner Armee begaben sich in Gefangenschaft. Danach wurde der Krieg deutscherseits zu einem Eroberungskrieg, in dem es um die Annexion Elsaß-Lothringens mit seinen reichen Erzvorkommen ging.