Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 7.2, S. 708

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Sozialdemokratie nur ein Zeugnis mehr sein, wie sehr sie es mit ihrer Kriegsgegnerschaft bitter ernst meint, und ein solches Zeugnis konnte die Sympathien der breitesten Volksschichten für die Sozialdemokratie höchstens nur steigern, niemals sie abkühlen und schwächen. Jetzt schon findet in den Volksversammlungen unsrer Partei, in allen Teilen des Reiches ohne Unterschied, nichts so stürmische, leidenschaftliche Zustimmung der Massen, wie jedes Wort, das gegen den Krieg, gegen das Verbrecherische und Volksfeindliche des heutigen Militarismus gerichtet ist. Die jüngsten Abenteuer des Imperialismus, das Echo der kriegerischen Ruhmestaten Italiens,[1] das Säbelrasseln unsrer ärgsten Reaktionäre, das alles ist höchstens geeignet, jenen grimmigen Abscheu der denkenden Arbeitermassen vor dem Gedanken eines Krieges nur noch zu steigern. Wie angesichts dessen die verleumderischen Absichten unsrer Gegner in diesem Falle auf ihre Rechnung kommen sollten, bleibt ein Geheimnis der Erzberger und Haußmann. Für diesmal bleibt es uns nur übrig, die ehrliche Absicht der Verleumdung zu schätzen; die Ausführung wäre jedenfalls ein Versuch mit untauglichen Mitteln an untauglichem Objekt gewesen.

Bei alledem konnte die wirkliche und nicht von den biederen Patrioten tendenziös verfälschte Stellung der Sozialdemokratie ruhig in aller Klarheit dem Reichstag dargelegt werden. Zweierlei ist bei der Verleumdungskampagne der Gegner zu unterscheiden. Wenn sie behaupten, die Sozialdemokratie hätte beschlossen, die Mannschaften im Kriegsfalle zur Dienstverweigerung aufzufordern, so ist das offenbar eine blanke Lüge, die in keiner einzigen Resolution oder auch nur in einem Antrag eines sozialdemokratischen Parteitags oder internationalen Sozialistenkongresses einen Anhaltspunkt findet. Die Gründe dafür sind sehr einfach. So wenig wir daran zu glauben vermögen, daß der Kadavergehorsam der in Soldatenröcke gesteckten Proletarier ewig dauern wird, so wenig wir uns verheimlichen, daß uns die gesamte Entwicklung dem Tage entgegentreibt, wo die in die starren Kaders des Militarismus hineingepferchten Volksmassen gegen den Taktstock rebellieren und ihren Gehorsam bei einer Menschenschlächterei verweigern werden, so wenig brauchen und können wir diese Gehorsamsverweigerung auf dem Wege von Parteibeschlüssen zu provozieren suchen. Eine Aufforderung von Partei wegen an die Soldaten zur Gehorsamsverweigerung wäre eine Torheit, nicht weil sie zum Konflikt mit dem Staatsanwalt führt, sondern weil sie unwirksam oder überflüssig ist, weil sie einer geschichtlichen Situation künstlich würde vorgreifen wollen, deren Reife nicht von uns allein bestimmt wird.

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[1] Im September 1911 hatte Italien einen Krieg gegen das Osmanische Reich provoziert. Am 29. September 1911, dem ersten Tag des Italienisch-Türkischen Krieges, war von der Leitung der Sozialistischen Partei ein auf 24 Stunden befristeter Generalstreik für Italien ausgerufen worden, dem in vielen Städten des Landes Demonstrationen und Kundgebungen gegen den Krieg vorausgegangen waren. Unter Ausnutzung der imperialistischen Gegensätze um Marokko gelang es Italien im Oktober 1912, Tripolis und die Cyrenaica zu annektieren.