Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.2, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 636

https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-7-2/seite/636

des macht, welcher kaltblütig mit dem Bewußtsein der Unzweckmäßigkeit ausgeführt wird;

daß die Todesstrafe heute wieder mit jener Grausamkeit angewendet wird, welche die atavistische Rückkehr der herrschenden Klassen zu den blutigen vergangenen Jahrhunderten bedeutet, die jetzt keine Rechtfertigung in den Anschauungen der Allgemeinheit finden könne;

daß schließlich in den letzten Jahren die Todesstrafe massenhaft Anwendung findet in Rußland, Polen und anderen Ländern, die dem russischen Reiche untertan sind, wie auch in Spanien, und zwar in erster Reihe gegen die Vorkämpfer für die Rechte des unterjochten Volkes, oder gar wie in Spanien gegen ruhige Wortführer des freien Gedankens;

beschließt der Internationale Sozialistische Kongreß: einen internationalen Protest gegen die Todesstrafe zu veranstalten, und zwar in der Form einer gleichzeitigen Vorbringung diesbezüglicher Anträge in den Parlamenten aller Staaten, in welchen die Todesstrafe noch besteht, begleitet von einer ausführlichen Besprechung dieser Angelegenheit am gleichen Tage in der sozialistischen Presse, wie auch in eigens zu diesem Zwecke veranstalteten Volksversammlungen.“

Darüber hinaus hat die Sozialdemokratische Partei Deutschlands dazu einen Antrag verfaßt:[1]

„Die bürgerliche Aufklärung hat an der Schwelle der neuzeitlichen Entwicklung die Todesstrafe als ein barbarisches Erbstück des finsteren Mittelalters verdammt. Der revolutionären Bourgeoisie waren damals die Ideale des Fortschritts und der Humanität keine leeren Worte und daher proklamierten ihre besten Vertreter in allen Ländern den Kampf wider die Kulturschmach des in Justizform gekleideten, kaltblütigen und systematischen Mordes eines Menschen.

Seitdem hat sich auch in dieser Beziehung ein gründlicher Wandel vollzogen. Der immer gewaltigere und immer schärfere Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem modernen Proletariat, der mehr und mehr zur Achse des öffentlichen Lebens aller Staaten wird, hat bewirkt, daß die heutige verfallende Bourgeoisie mit den sonstigen demokratischen und freiheitlichen Zielen nunmehr auch den Kampf gegen die Todesstrafe preisgegeben hat. Ja, die herrschenden Klassen greifen jetzt selbst immer mehr zu der schmachvollen Waffe der Todesstrafe, sowohl um mit den Zersetzungs-

Nächste Seite »



[1] Der Text der Resolution folgt dem deutschen Protokoll, S. 16–17. – Autorin der Resolution ist Rosa Luxemburg. In ihrem Brief an Leo Jogiches vom 31. August 1910 heißt es: „Ich habe eine Resolution über die Todesstrafe verfaßt, die die Zetkin als Deutsche eingebracht hat und deretwegen die Fraki, als sie sahen, daß sie sich blamieren werden, kühn ihre eigene im letzten Moment zurückzogen.“ Siehe GB, Bd. 3, S. 225. – Mit Fraki war die PPS-Revolutionäre Fraktion gemeint, die nach Spaltung der PPS im Jahre 1906 unter Führung von Józef Pil⁄sudski, Witold-Narkiewicz und anderen agierte. – Zur Todesstrafe siehe auch Eine Ehrenpflicht. In GW, Bd. 4, S. 404 ff.