Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 7.2, 1. Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2017, S. 1019

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O weh! Nicht weiter sag’!

O still! nichts hören mag!

Flieg ab, flieg ab von meinem Baum!

– Ach, Lieb’ und Treu’ ist wie ein Traum

Ein Stündlein wohl vor Tag.[1]

Ist das nicht ein herrliches Gedicht? So [Auf der Seite oben:] V einfach u. ergreifend, wie ein Volkslied. Aber Schwalben auf einem Baum sitzen u. singen habe ich noch nie gesehen. Der einzige Laut, den ich von der Schwalbe kenne, ist dieses Zirr-zirr beim Abendspiel hoch in der Luft.

Und plötzlich, wie es begonnen, ist das Spiel auch zu Ende. Die Schwalben sind verschwunden, die rosigen Wölkchen erloschen. Dämmerung u. Stille senkt sich kühl auf die Erde. Über Timners Essigfabrik steigt schweigend das blasse Gesicht des Mondes auf. Unten im Hof schleicht auf leisen Sohlen der Kater Mulle auf Raub. Er sieht so unheimlich aus, wie ein Zauberer, – ich habe fast Angst vor ihm; er hat schon etwas von den Geheimnissen der Nacht an sich … Jetzt huscht lautlos vor meinem Fenster ein dunkler Schatten, – die Fledermaus…

Der Tag ist zu Ende, vorbei – nie kehrt er wieder. Wie eine Perle sinkt er in den Ozean der Ewigkeit hinab…

Schöne Dame, darf ich jetzt Ihr Händchen ergreifen, um Sie nach Hause zu geleiten? Hier ist schon Ihre rebenbewachsene Villa. Haben Sie vielen, vielen Dank für den lieben Besuch, den Sie mir in den luftigen Hallen meiner Phantasie abgestattet haben, und nehmen Sie fürlieb mit dem Wenigen, was eine arme Gefangene zu bieten hatte. Doch auch ein König kann schließlich seinen Gast nicht höher ehren, als daß er ihm Sonne, Mond und die Erde in ihrer grünen Pracht zu Füßen legt. Gnädige Frau, gute Nacht!

R. L.

10. 3. 17

Handschriftlich mit Tinte auf fünf Briefbogen, Original,

SAPMO-BArch, NY 4002/2, Bl. 32-40.

Erstveröffentlichung durch Elke Keller: Die Geheimnisse eines Gefängnishofes, geringfügig gekürzt. In: Für Dich (Berlin), Illustrierte Zeitschrift für die Frau, 1974, Heft 3.

Siehe auch Rosa Luxemburg: Die Liebesbriefe. Hrsg. von Jörn Schütrumpf, Berlin 2012, S. 7-14.

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[1] Kleine Korrekturen durch Redaktion, vorwiegend bei der Interpunktion.