Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 543

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Kräfte, um mit dem ungeheueren Heer der Besatzungsstaaten fertig zu werden?“ Dieselbe platte und grobe Anschauung über die Frage der politischen Kämpfe übertragen die Sozialisten vom Schlage unserer Sozialpatrioten[1] oder der russischen Terroristen in die revolutionäre Bewegung. Zuerst glauben sie jahrzehntelang überhaupt nicht an die Möglichkeit, an die Kraft und die Wirksamkeit der Klassenbewegung des russischen Proletariats. Und wenn dieser Geist und diese Kraft Wirklichkeit werden, verständlich und unzweifelhaft sogar für die zaristischen Knechte, schreien diese „Sozialisten“ aus voller Kehle: Jetzt laßt uns diesen Massen so schnell wie möglich Bomben und Dynamit in die Hand geben, und die Sache wird gewonnen!

Man braucht mit der Klassenbewegung des Proletariats geistig überhaupt nicht verbunden zu sein, um in einer Revolution wie der derzeitigen im Zarismus vor allem die Frage der nackten mechanischen Bewaffnung zu sehen. Wenn die Anzahl der Waffen und Soldaten über die Niederlage oder den Sieg entscheiden würde, so wäre die Niederlage der Aufstände[2] unseres Adels ein ziemliches Rätsel. Denn der Aufstand des Jahres 1831 hatte jedenfalls bedeutende Kräfte des regulären und bewaffneten polnischen Heeres zu seiner Verfügung, und die „Führer“ des Aufstandes emigrierten schließlich mit sehr ansehnlichen, überhaupt nicht zum Kampf eingesetzten Einheiten.

Was aber das wichtigste ist, allein die Idee der „Bewaffnung“ der Volksmasse durch die Handvoll ihrer sozialistischen Führer – denn die Zahl der aktiven sozialistischen Agitatoren ist und bleibt unter unseren Bedingungen einstweilen eine Handvoll im Vergleich zu den Millionenmassen, die als Kräfte der Revolution in Frage kommen – ist die lebendige Übertragung der Zirkel- und Verschwörungsbegriffe auf den Klassenkampf des Proletariats. Ebenso wie nach einem irgendwo in einem „konspirativen“ Zimmerchen ausgebrüteten Plan die Terroristen ihr Halbdutzend Mitglieder der „Kampforganisation“ bewaffnen, um sie zur Ausführung von Attentaten zu „schicken“, so ungefähr beabsichtigen sie jetzt, einen „Plan“ aufzustellen und die ganze Volksmasse zu „bewaffnen“. Nach Auffassung dieser Politiker ist die Vorbereitung der Arbeitermasse auf die Revolution dasselbe wie die Vorbereitung einer Handvoll Terroristen auf Attentate, nur in einem größeren Maßstab. Sie verstehen nicht, daß sich das ganze Wesen, der Inhalt und der Charakter des revolutionären Massenkampfes von dem terroristischen Einzelkampf völlig unterscheidet.

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[1] Siehe Bd. 1/1, S. 90–92.

[2] Siehe Bd. 1/1, S. 33, Fußnote 2 u. S. 96, Fußnote 1.