Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Karl Dietz Verlag Berlin, Bd. 1.2, S. 587

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Die kommenden Männer in Russland

Die letzten Tage haben eine hochinteressante und bedeutsame Kundgebung des russischen Liberalismus gebracht, die sehr geeignet ist, auf die Klassen- und Parteiverhältnisse innerhalb des revolutionären Zarenreiches helles Licht zu werfen. Herr Peter v. Struve, der literarische Vertreter und das geistige Haupt des Liberalismus in Rußland, veröffentlicht in der Jaurèsschen „Humanité“ einen Offenen Brief an Jaurès, worin er aus Anlaß des endgültigen militärischen Zusammenbruchs des Zarismus sozusagen die politische Plattform der russischen liberalen Partei entwickelt.

Was in diesem Augenblick dem russischen Volke vor allem not tut, ist nach dem Leader des russischen Liberalismus – „eine starke Regierung“! Die dringende Notwendigkeit einer starken Regierung glaubt Herr Struve gar nicht genug betonen zu können, er wiederholt sie in verschiedenen Tonarten mehrere Male. Und zwar ist diese Notwendigkeit durch zwei dringende Aufgaben begründet, die gegenwärtig im Zarenreiche ihrer Lösung harren: erstens die Schaffung der Ordnung im Innern und zweitens und vor allem die Schließung eines vorteilhaften Friedens mit Japan sowie Anbahnung einer vorteilhaften, gleichfalls „starken“ auswärtigen Politik Rußlands. Diesen hehren Aufgaben sind die jetzigen kopflosen und korrupten Tschinowniks des Absolutismus – die nach Herrn Struve überhaupt das Karnickel sind, das das ganze jetzige Unheil angerichtet hat – nicht gewachsen. Dazu bedürfe es einer Regierung aus Männern mit moralischer Autorität, und solche Perlen sind ach so leicht und so nahe zu finden, daß Seine blutige Majestät nur Höchstdero Hand auszustrecken brauchte und – Herr v. Struve macht hier einen ergebenen ehrfurchtsvollen Diener und flüstert bescheiden: „Ich sage nicht, daß ich zu hoffen wage, daß Ihre Majestät mir Dero Vertrauen schenken würden, ich sage bloß:

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