Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 471

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ten der Nationalökonomie, wie namentlich die von Adolphe Blanqui, an materialistischen Hinweisen und Erklärungen reich. Dieser Materialismus erschöpft sich aber meistens in solchen empiristischen Trivialitäten wie der Beobachtung, daß die Merkantilistenlehre mit dem Aufkommen der Städte und des internationalen Handels zusammenhänge, die Manchesterlehre aber mit dem Aufschwunge der Manufaktur und der kapitalistischen Produktion u. dgl. Dabei zeigen schon die Schicksale des ersten wissenschaftlichen Systems der Ökonomie, der Physiokratenschule, allein, wie sehr die ökonomische Theorie der bürgerlichen Gesellschaft für diese selbst ein Buch mit sieben Siegeln ist. Während z. B. ein Spezialist auf dem Gebiete, der Berner Professor Oncken, den Staub von dreizehn Bibliotheken aufwirbelt und alle staatswissenschaftlichen Fakultäten zum Niesen bringt, um die epochemachende Tatsache festzustellen, wer von den Physiokraten zuerst das Wort „laissez faire, laissez passer“ gebraucht habe, bleibt diese Kampfparole des anbrechenden Kapitalismus bei den Physiokraten mit ihrem schlagenden Widerspruch zu der Verherrlichung der Landwirte als der einzigen „produktiven Klasse“ und der Degradierung des industriellen Mittelstandes zum Parasiten der Grundbesitzer für die bürgerliche Geschichte ein undurchdringliches Rätsel. Und der Spezialist Oncken weiß uns nur mit vollem Ernste zu versichern, daß der Angelpunkt der ganzen volkswirtschaftlichen Theorie Quesnays die Preislehre sei! Ein naives Bekenntnis, daß er von dem genialen Schöpfer des Tableau économique nicht das Abc verstanden hat.

Ein anderer von der deutschen Zunftgelahrtheit sehr ernst genommener bürgerlicher Historiker, der Engländer Ingram, speist uns gar mit der tiefsinnigen Betrachtung ab, daß „die Vorliebe der (physiokratischen) Schule für die Landwirtschaft“ ein Ausdruck des im vorrevolutionären Frankreich vorherrschenden Geschmacks für das „Natürliche“ und für „ursprüngliche Einfachheit“ à la Rousseau gewesen sei, sozusagen eine Übersetzung der Watteauschen Fêtes galantes und der gepuderten Schäferszenen von Boucher ins Nationalökonomische. Marx gibt auf wenigen Seiten eine allgemeine Analyse des Physiokratismus, die zugleich die erste wissenschaftliche Lösung aller scheinbaren Widersprüche dieses Systems und das glänzendste Beispiel der Anwendung der dialektisch-materialistischen Geschichtsauffassung darstellt, indem er nachweist, daß „dies alles Widersprüche der kapitalistischen Produktion“ seien, „die sich aus der feudalen Gesellschaft herausarbeitet und letztere selbst nur mehr bürgerlich interpretiert, ihre eigentümliche Form aber noch nicht gefunden hat, wie etwa die Philosophie, die sich erst in der religiösen Form des Bewußt-

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