Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 174

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Zur Erklärung dieses Verhaltens kann man nicht etwa die Disziplinlosigkeit der jaurèsistischen Kammerfraktion heranziehen. Im Gegenteil, sie hat gleich in den Anfängen der rettenden Staatsaktion des Kabinetts Waldeck–Millerand, gleich in der Amnestiefrage, wo es die zweijährige Dreyfus-Kampagne preiszugeben und somit das erste schwere Opfer auf dem Altar des Ministerialismus zu bringen galt, gezeigt, daß sie es nach der Mahnung Jaurèsʼ wohl versteht, in vierundzwanzig Stunden kehrt um! zu machen und aufs Wort zu parieren.

Wenn dieselbe Kammergruppe heute mit fast mechanischer Regelmäßigkeit bei jeder Frage auseinanderfällt, so läßt sich dieses Phänomen eben nur dadurch erklären, daß, entgegen den Trivialitäten des „gesunden Menschenverstandes“, die Gemeinsamkeit der allgemeinen Auffassung vom sozialistischen Kampfe noch lange nicht genügt, um die Einheitlichkeit der Aktion zu ergeben, daß es vielmehr noch auf die besondere Beschaffenheit dieser Grundauffassung ankommt.

Die Sache ist bei näherem Zusehen einfach. Eine Einheitlichkeit der sozialistischen Aktion ist nur dann möglich, wenn die ihr zugrunde liegende sozialistische Auffassung eine leicht abzuleitende einheitliche Handhabe für die Beurteilung jedes einzelnen praktischen Problems ergibt. Eine solche Handhabe bietet aber nur der prinzipielle Standpunkt, der Standpunkt einer grundsätzlichen Opposition zum bestehenden Klassentaat.

Das eigentliche Wesen der „Prinzipien“ liegt doch in nichts anderem als

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