Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 134

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können: persönliche und soziale, ethische und wissenschaftliche, politische und wirtschaftliche, werden – jedes in seinem ganzen Umfang – berücksichtigt. Und dafür, daß jeder dieser Momente in gehöriger Proportion, in dem ihm zukommenden Maße berücksichtigt wurde, bürgt uns gerade der Umstand, daß Mehring nicht im geringsten eine Biographie im herkömmlichen Sinne dieses Wortes zu geben, daß er nicht im geringsten den fertigen, gewordenen Marx nach rückwärts zu „erklären“ sucht. Er verfährt gerade umgekehrt, indem er von unten auf den unfertigen, den werdenden Marx rekonstruiert, zu jeder Kundgebung seines Geistes schrittweise nur den notwendigen Vorbau liefert und das Ganze von selbst auf den Leser wirken läßt. Und eben in dem harmonischen Eindruck, den wir von dem Bilde der Zeit und des Menschen darin empfangen, in dem Gefühl der Befriedigung, mit der wir sein Werden verfolgen und begreifen, liegt die Gewähr des „zureichenden Grundes“ in den Erklärungen zur Marxschen Entwicklung, die Gewähr, daß alles und jedes gerade so und gerade in dem Maße sich zu diesem großen Leben zusammengetan hat, wie Mehring es erläutert.

Marx hat einmal – wir können in diesem Augenblick die Stelle nicht suchen, die irgendwo in den Fußnoten zum I. Band des „Kapitals“ stecken muß – gesagt, eine Probe auf die wahre materialistische Erklärung eines Ereignisses sei nie durch das Zurückverfolgen seiner Ursachen in die Vergangenheit, sondern allein durch die Rekonstruktion des Ereignisses aus der Vergangengheit heraus gegeben. So rekonstruierte und dadurch erklärte Marx die französische Februarrevolution und den Napoleonischen Staatsstreich. So rekonstruiert jetzt Mehring nach der Marxschen Methode Marx selbst als leuchtendes Ereignis in der geistigen Geschichte Deutschlands. Und da er dabei zugleich auch historiosophisch Marx treu bleibt und den Menschen aus seinem Milieu, das Milieu aus der Geschichte, die politische Geschichte aus der wirtschaftlichen erklärt, so ist das Mehringsche Buch über Marx die feinste Huldigung des Schülers an seinen Meister.

Wir wüßten auch nicht, was wir unter einer „wissenschaftlichen“ Ausgabe der Schriften von Marx und Engels sonst verstehen sollten, als was uns gerade geboten wird. Es ist das oberste Gebot der Wissenschaftlichkeit, jede geistige Schöpfung aus dem Schöpfer und aus seiner Zeit heraus zu beleuchten. Alles, was nun von Marx veröffentlicht wird, erscheint uns vollkommen klar im Zusammenhang einerseits mit seiner individuellen Entwicklung, andrerseits mit den geistigen Strömungen und öffentlichen Zuständen Deutschlands der 30er und 40er Jahre. Mehring erläutert jeden Aufsatz in doppelter Weise: erstens sachlich die Materie in sich selbst,

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