Rosa Luxemburg Werke [RLW], Berlin 1970ff., Bd. 1.2, 7., überarbeitete Auflage, Karl Dietz Verlag Berlin 2000, S. 591

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die russische, polnische und jüdische Sozialdemokratie die Beteiligung an dieser „Zusammenfassung der Kräfte“ kategorisch ablehnte. Die jetzige Wendung des Struveschen Liberalismus wird hoffentlich auch diesen Schwärmern der „Block“politik zeigen, daß gerade die Interessen des Kampfes und der Revolution nicht eine Allianz mit solchen zweideutigen Elementen, sondern eine scharfe, klare, selbständige proletarische Politik geboten, die von Anfang an mit dem Liberalismus nicht auf freundlich-vertrauensduseligem Fuße, sondern auf wachsamstem Quivive bleibt.

Zum Schluß noch eine kleine Bemerkung ad personam: Herr Struve ist ein Exsozialdemokrat und Exmarxist, der in das gelobte Land des Liberalismus über die Eselsbrücke des „revidierten“ Marxismus wanderte. Sein jetziger Fall ist ein Exempel mehr, daß es beim Abspringen von der festen prinzipiellen Weltanschauung des Marxismus für einen Sozialisten keinen Halt gibt: Er rutscht gewöhnlich viel tiefer herab als die bürgerlichen Demokraten und Reformer. Herr Struve wird seit geraumer Zeit, wie wir erfahren, von den linksstehenden bürgerlichen Demokraten in Rußland als ein unsicherer Kantonist betrachtet, und aus dem Vertreter des Liberalismus schlechthin wird er zum Vertreter bloß dessen äußerster adeliger Rechten. So differenzieren sich in Rußland Klassen und Parteien unaufhörlich, und dies ist einer der sichersten und erfreulichsten Beweise, daß das Feuer der Revolution im Zarenreich nicht schlummert, sondern unermüdlich sich ausbreitet und um sich frißt auch in den Momenten, wo keine prasselnde Feuergarbe laut aufzischt, um die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken.

Sächsische Arbeiter-Zeitung (Dresden),

Nr. 140 vom 21. Juni 1905.

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